Agglomeration als politische Kampfzone
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 18.02.2011 16 Kommentare
Jean-Martin Büttner
In den letzten Tagen wurde viel Terrain verteidigt. Am Sonntag war die Waffenschutzinitiative grossmehrheitlich abgeschossen worden, gegen den Willen der Städte. Aus diesen wurden Irritationen laut und dahinter waren angestaute Frustrationen spürbar. Immer wieder werde man vom Land überstimmt, ging die Klage, manchmal auch bei Fragen, die sich vor allem in den Städten stellten. Das Berner Oberland, das Zürcher Unterland, das Waadtländer Hinterland und das Baselland würde von den Leistungen der Zentren profitieren, beteiligten sich aber zu wenig an der Lösung ihrer Probleme. Umgehend wurde der Ärger der Städter zur Arroganz gegen die Dörfler umgedeutet, zum linkselitären Jammern. So weit, so ritualisiert.
Immerhin verlagerte sich die Debatte dann dorthin, wo sie hingehört: in die politische Kampfzone der Agglomerationen. Denn anders als die Käsewerbung und die Touristenplakate und die Parteizmorge und die Schlagervolksmusik und die buschperen Schwingerkönige glauben machen, hat sich das Land längst zu einer ausfransenden Vorstadt urbanisiert. Der Beton frisst sich durch die Landschaft, die Schweiz ist ihr eigenes Downtown Switzerland geworden, das bewohnbare Land wird von Vororten und Kleinstädten umstellt. Die Bau- und Zonenordnung wurde aufgeweicht, die Raumplanung hat versagt.
Aber wie genau soll man diese Agglomerationen begreifen? Sind es ländliche Städte oder vorstädtische Zentren? Die Frage ist deshalb nicht leicht zu beantworten, weil Politik und Soziologie hier auseinandergehen. Während die grossen Schweizer Städte rotgrün regiert werden, stimmen Agglomerationen in Stadtnähe immer häufiger immer weiter rechts. Das hat etwas mit einem Identitätsproblem zu tun, dem Gefühl der Entwurzelung, des Fremdseins im eigenen Land. Und keine andere Partei zieht aus diesen Verlustgefühlen so viel Gewinn wie die SVP.
Zugleich entwickeln sich die Agglomerationen aber immer städtischer. Dass das Gewehr im Schrank bleiben darf und keine Minarette in den Himmel ragen dürfen, mag auf trotzige Art Identität stiften. Doch es bleibt Symbolik. Die Probleme von armen, wenig attraktiven Agglomerationen haben aber nichts Symbolisches, sie sind konkret. Während in den Zentren mit der Lebensqualität die Mieten steigen und andere Kosten, werden die Ärmeren und Älteren, werden auch die Ausländerinnen und Ausländer in die Vorstädte und Industriezonen verdrängt. Also dorthin, wo die Häuser weniger schön sind, wo es keine Dorfplätze mehr gibt, keine Jugendzentren, kaum Kultur, kein Vereinsleben. Dafür zunehmend die Probleme der Zentren ohne deren Vorteile: Kriminalität, Lärm, Durchgangsverkehr, Umweltverschmutzung.
Auf diese Entwicklung haben einige schon reagiert. Erstmals wurde der Wakker-Preis im Januar nicht einem schönen Dorf oder einer sanft renovierten Stadt verliehen. Sondern acht Vorstadtgemeinden in der wüsten Industriezone von Lausanne-West. Sie setzen seit sieben Jahren einen gemeinsamen Richtplan um, der die Gegend wohnlicher, sicherer und schöner macht.
Die Agglomerationen sind die neuen Städte der Schweiz. Dennoch steht die Politik hinter der Soziologie zurück. Die Schweiz verstädtert, die Politik bleibt ländlich. Bis heute werden Städter viel seltener in den Bundesrat gewählt als Politiker aus ländlichen Kantonen. Die Landwirtschaftslobby im Parlament ist viel mächtiger als die der Städte, und sie vertritt die Interessen von viel weniger Menschen. Die meisten bürgerlichen Parlamentarier leben auf dem Land oder in jenen Agglomerationen, die reich und schön sind. Diese Politiker zahlen weniger Steuern, haben keinen Lärm, keine Abgase und einen schönen Ausblick. Im Ständerat sind Politiker aus ländlichen Kantonen übervertreten, obwohl ihre Bevölkerung bequem in einem Quartier von Genf, Basel oder Zürich Platz hätte. Und dann haben wir noch das Ständemehr.
Das Land muss städtischer denken lernen. Alles andere ist Folklore. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2011, 21:17 Uhr
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16 Kommentare
Ich glaube, ein Artikel wie dieser bringt es bestens auf den Punkt: Städter wie der Schreibende sind überzeugt, sie hätten per se recht und alles andere sei rückständig, was sie dann zu Folklore umdeuten und abtun. Mit dieser arroganten Haltung wird der Graben zwischen Stadt und Land nur noch tiefer. Antworten


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