Meinung

Coolness ist ansteckend

Von Bettina Weber . Aktualisiert am 22.10.2010 6 Kommentare

Bettina Weber.

Wenn prominente Männer bei einem Seitensprung Vater werden, dann ist die Boulevardpresse entzückt, denn so eine Geschichte gibt reichlich Stoff her. Es wird über Untreue im Generellen und den Sexualtrieb und die Anziehungskraft von berühmten Männern im Speziellen sinniert. Dass sie als Vorbilder, als die gerade etwa Sportler gern dargestellt werden, versagt haben, steht dann nirgends. Versagt, nicht aus moralischer, sondern aus verhütungstechnischer Sicht: weil nämlich ein Kind nur gezeugt werden kann, wenn nicht verhütet wird. Was also heisst: dass Boris Becker in seiner Besenkammer genauso wenig auf Verhütung Wert gelegt hat wie Franz Beckenbauer oder Horst Seehofer bei ihren ausserehelichen Aktivitäten. Sie gingen damit nicht nur für sich selbst ein Risiko ein, sondern nahmen zudem in Kauf, ihre offiziellen Partnerinnen mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken.

Der offensichtliche Verzicht auf das Kondom scheint aber kein Thema zu sein. Er ist vielmehr in gewisser Weise salonfähig geworden. Vielleicht, weil Aids seinen Schrecken verloren hat. Vielleicht auch, weil der mahnende Zeigefinger in der Sexualität nichts mehr verloren hat. Die Gesellschaft ist diesbezüglich viel toleranter geworden. Das ist gut so. Aber es hat auch dazu geführt, dass man sich über nichts mehr aufregt – man will ja nicht als verklemmt gelten. Pornos, Prostitution, allenthalben nackte Haut – darüber empört sich kaum jemand mehr. Und seit Bill Clinton gilt nicht einmal mehr Oralsex als Sex, auch wenn es dort sehr wohl um den Austausch von Körperflüssigkeiten geht.

Die Kehrseite dieser vermeintlichen Offenheit ist, dass vor lauter Coolness und demonstrierter Aufgeklärtheit so etwas Selbstverständliches wie Verhütung als antiquiert gilt. Als kleinkariert, als so gar nicht verrucht und sexy. Hey, sei nicht so stier, ohne Risiko kein Spass im Leben! Und wenn man weiss, dass Jugendliche heute im Schnitt ihren ersten Porno mit 11 Jahren sehen, dann ist es nicht weiter erstaunlich, dass die zwar über sämtliche Sexualpraktiken Bescheid wissen, aber nicht, wie man sich ein Verhüterli überzieht – das kommt in den Filmen nämlich nicht vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 22:23 Uhr

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6 Kommentare

gordana starcevic

22.10.2010, 10:00 Uhr
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Warum betonen Sie aus verhütungstechnischer Sicht, ist die Moral auch antiquiert? Antworten


Gion Saram

22.10.2010, 09:49 Uhr
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Spätestens wenn die untreue Ehemänner versteckt zum Arzt müssen um ihre aufgelesen Geschlechtskrankheiten heimlich behandeln zu müssen, wird ihnen die Konsequenzen ihrer nonchalanten Coolheit bewusst. Bei den Frauen wird dieser Moment der Erleuchtung vielleicht bei der ersten Abtreibung kommen. Ignoranz und Coolheit scheinen einander zu bedingen. Antworten