Das Ende der Märchenstunde
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 04.01.2011 8 Kommentare
Janine Hosp
Umfrage
Teilen Sie die Meinung der Autorin?
Seit Jahren fordern bürgerliche Politiker, der Kanton Zürich müsse reiche Steuerzahler «dringend» entlasten. Sie schildern in den düstersten Farben, was die Folgen sein könnten, wenn er dies nicht tut – der Kanton verliere Gutbetuchte an die umliegenden Steuerparadiese und hätte nicht mehr genug Geld, um seine wichtigsten Aufgaben zu erfüllen.
Tatsächlich räumen immer wieder Vermögende ihre Villen an der Goldküste und ziehen Richtung Zug oder Freienbach. Was aber keinem Politiker ein Wort der Erwähnung wert ist: Es rücken auch immer wieder Reiche nach. Und manche sind noch reicher als jene, die gegangen sind.
Den Reichen gefällt es in Zürich
So stehen heute, da wohlhabende Ausländer im Kanton Zürich nicht mehr von der Pauschalsteuer profitieren können, Luxusappartemente und Villen nicht zuhauf leer. Praktisch alle Objekte an der Goldküste sind laut Maklern wieder verkauft oder vermietet – an Personen, die regulär Steuern zahlen. Die Gemeinden jedenfalls rechnen, dass unter dem Strich mehr Geld in ihre Kassen fliessen wird.
Wenn die Steuerbelastung so wichtig wäre, wie bürgerliche Politiker glauben machen wollen, dann wären die Reichen schon längst in die Slowakei, nach Polen oder Tschechien ausgewandert. Aber viele sind noch hier – und es werden immer mehr. Obwohl der Kanton Zürich die Steuern nie drastisch gesenkt hat, steigt die Zahl der Gutsituierten laufend, wie die Daten des Statistischen Amtes des Kantons zeigen: 1999 haben 15'630 Zürcherinnen und Zürcher bei den Bundessteuern ein Einkommen von über 200'000 Franken versteuert, 2007 waren es bereits 24'614.
Gleichzeitig ist die Steuerkraft pro Kopf in den Zürcher Gemeinden gestiegen, von rund 3000 auf 3756 Franken, wobei jene der Seegemeinden überdurchschnittlich stark zugenommen hat. In Küsnacht zum Beispiel ist sie innert 30 Jahren um satte 75 Prozent gewachsen.
Dass Gutsituierte nicht reihenweise nach Slowenien ziehen, ist noch nachvollziehbar; die dortige Lebensqualität ist mit jener Zürichs nicht vergleichbar, die politische Lage nicht ebenso stabil. Aber offenbar gefällt es ihnen an der Goldküste so gut, dass sie nicht einmal in ein nahes Schwyzer Steuerparadies übersiedeln möchten. Weshalb sollten sie auch? In den Gemeinden an der Goldküste ist die steuerliche Belastung nicht so gross, dass es sich lohnen würde, ans schattige Seeufer in ein Dorf bar jeden Charmes zu ziehen.
Die Mehrheit der 208 pauschal Besteuerten ist am Ende im Kanton Zürich geblieben. In der Stadt Zürich zum Beispiel sind es etwa drei Viertel von 105 Personen. Ein deutlicher Hinweis, dass sich der Kanton Zürich mit der Pauschalsteuer viel zu billig verkauft hat.
Im Mai wird das Volk nun über die Revision des Steuergesetzes abstimmen und dabei entscheiden, ob es die reichsten Steuerzahler entlasten und die zwei obersten Progressionsstufen abschaffen will. Spätestens für den Abstimmungskampf müssen sich die bürgerlichen Parteien ein neues Argument einfallen lassen. Dass Reiche bei einer Ablehnung nicht mehr im Kanton Zürich leben wollen, glaubt ihnen heute niemand mehr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.01.2011, 22:02 Uhr
Kommentar schreiben
8 Kommentare
- Die beliebtesten Kommentare
- Alle Kommentare
Welche Märchenstunde und welches Ende? Dieser Kommentar erinnert mich an einen Wurtssalat; Man weiss nicht genau was drin ist, schmeckt aber gut. Ausserdem kennt die Kommentatorin Slowenien nicht, welches übrigends oft als "Schweiz im Osten" bezeichnet wird. Neues Argument? Die Steuern müssen einfach der Standortqualität entsprechen. Wird übrigends "Markt" genannt (Erklärung für SP-Wähler). Antworten
Der Kanton Zürich ist wegen attraktiv wegen der guten Hochschulen, der erstklassigen Infrastruktur (S-Bahn etc.), der vielerorts noch einigermassen intakten Natur, des hervorragenden Kulturangebotes – und vieles davon wird mit Steuergeldern bezahlt. Deswegen, und nicht wegen etwas tieferer Steuern, wohnen auch viele Reiche im Kanton Zürich. Antworten





