Meinung

Das Feld nicht der SVP überlassen

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 06.11.2009
Antonio Cortesi.

Antonio Cortesi.

Schule ist nicht gleich Schule: Im Kanton St. Gallen summiert sich die Zahl der Pflichtstunden über die neun Jahre der Volksschule auf 8800. In Solothurn sind es hingegen bloss deren 6840. Allein diese Differenz zeigt, wie dringlich eine Harmonisierung der Lehrpläne ist. Denn je mehr Unterrichtszeit in einem Fach zur Verfügung steht, umso besser schneiden die Schüler im Pisa-Test ab.

Beim Lehrplan 21 geht es aber um viel mehr als um strukturelle Anpassungen, also auch um mehr als beim Harmos-Projekt. Es geht um Inhalte: Die Deutschschweizer Kantone müssen erstmals einen gesellschaftlichen Konsens finden, was Bildung überhaupt soll. Welche Kompetenzen müssen die Schüler am Ende der Schulzeit haben? Soll die Schule den Hauptakzent auf reines Fachwissen und das Beherrschen von Kulturtechniken setzen? Oder sollen die Kinder auch befähigt werden, gesellschaftliche Prozesse zu analysieren und sich eine eigene Meinung zu bilden?

Die SVP wittert einmal mehr eine linke Unterwanderung der Schule und möchte die Lehrpläne von jeglicher Ideologie fernhalten. Das ist eine Illusion und auch falsch. Eine Illusion, weil Lehrer nicht Lehrmaschinen sind, sondern als Vorbilder auch Einstellungen vermitteln. Und falsch, weil verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt und der eigenen Gesundheit genauso wie Rechnen und Schreiben zum Rüstzeug gehören, wenn die Jungen ihr Leben erfolgreich meistern sollen.

Die Lehrkräfte fordern aber zu Recht, dass der Lehrplan 21 nicht überladen sein soll. Je breiter das Jekami mit Sonderwünschen, umso grösser die Gefahr, dass das Harmonisierungswerk in einzelnen Kantonen scheitert. Homosexualität gehört genauso wenig in den Lehrplan wie das Thema Rauschtrinken. Der Lehrer muss aber frei sein, solche Themen zu behandeln, wenn sie in seiner Klasse virulent werden.

Ob der Einheitslehrplan zu einem guten Ende kommt, hängt nicht zuletzt von den politischen Parteien ab. SP, FDP und CVP haben die Federführung bislang der SVP überlassen, die instinktsicher ein neues Kampffeld gefunden hat. Das könnte sich rächen, wie das Fiasko mit Harmos gezeigt hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2009, 04:00 Uhr

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