Das dritte Jahrtausend wird weiblich
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 16.01.2009 1 Kommentar
Constantin Seibt.
Eine Krise trennt Spreu von Weizen, stark von schwach, Saurier von Säuger, Gestrige von Morgigen.
Die wichtigste Statue des 21. Jahrhunderts steht am Hafen der Insel Paros. Es ist die Büste eines älteren Mannes mit Kapitänsmütze, der ernst aufs Meer blickt. Sie erinnert an den Chef der Küstenwache, der Jahrzehnte friedlich zur Arbeit ging, bis plötzlich die Stunde der Bewährung kam. Am Abend des 26. September 2000 lief kurz vor Paros eine Passagierfähre auf die Klippen und sank. Der Küstenwachenchef wurde als Erster alarmiert - und starb sofort an einem Herzinfarkt.
Sein Tod verwandelte die Rettungsarbeiten in ein Chaos: Am Ende ertranken 80 Passagiere.
Aber da er der einzige Tote von der Insel selbst war, setzte man ihm das Denkmal. Und so blickt er für ewig mit Kapitänsblick übers Meer.
Dieser Mann war nur der Vorläufer seines Geschlechts. Kaum gerieten die Finanzmärkte ins Rutschen, setzte das zarte Herz von Hans-Rudolf Merz aus; als sein Chef keine Chance auf Wiederwahl hatte, steuerte der sensible Schriftsteller-Nationalrat Christoph Mörgeli seinen Wagen in ein geparktes Lieferauto; kaum musste er 7 Milliarden Franken Verlust bekannt geben, brach Joe Ackermann zusammen, der teddybärförmige Chef der Deutschen Bank.
Jahrtausende herrschte das breithüftige, schmalschultrige Geschlecht über den Planeten, war zuständig für notwendige Härte und Grausamkeit. Nun geht das Zepter auf das hagere Geschlecht über: die Frauen.
Während etwa die Chefs der UBS um Hilfe bettelten, die Herren an den Finanzmärkten in Panik gerieten und sich erste Milliardäre erschossen, sah die Schweizer Wirtschaftsministerin Doris Leuthard kaltblütig «noch kein Anzeichen einer Rezession».
Und als Merz umfiel, überwies Eveline Widmer-Schlumpf ebenso kaltblütig 68 Milliarden Franken an die UBS - ohne dafür Mitsprache zu fordern. Der langjährige Wirtschaftsberater Merz hätte nicht liberaler und unterwürfiger handeln können.
Und ohne die Rüpeleien ihres zu emotionalen Vorgängers Christoph Blocher gelang es Widmer-Schlumpf, das Asylrecht erneut zu verschärfen - mit Anstand kommt man auch in der Politik weiter. Zu Recht wurde sie «Schweizerin des Jahres» und erhielt in Arosa einen Preis für ihren Humor. Diesen definierte die Juristin revolutionär neu mit Scherzen wie: «Ohne fröhliches Gemüt wäre ich in Bern längst untergegangen.» Oder: «Es geht nicht um eine Verschärfung, sondern um eine konsequente Umsetzung des Gesetzes.»
Denn seit jeher müssen in der Krise die Tüchtigen handeln: indem sie die Armen bekämpfen. So wie die Pfarrerin Renate von Ballmoos, die nach 10 Tagen mit einer Kirche voll Asylbewerbern den eigenen Energieverlust und die Unmöglichkeit eines Polizeieinsatzes beklagte. Damit dachte sie das Christentum neu, mit dem Ballmoos-Evangelium: «Und Jesus sprach zu den Armen und Aussätzigen: Ich verstehe, dass es hier Emotionen gibt. Aber ihr seid arm und aussätzig, und das stresst. Lasst hinfort Dicke um mich sein!»
Neuer Humor, neues Christentum, neuer Anstand - ein neues Geschlecht übernimmt in der Krise eine alte Welt.
Den zu zarten Verlierern, wie den Freunden Ospel und Blocher, bleibt nur die Klage über die Ungerechtigkeit der Welt, der Kapitänsblick übers Meer und dann und wann ein entzückender Schwanzschoner aus Seide, den ihre Frau von der brutalen Arbeit heimbringt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.01.2009, 08:38 Uhr
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1 Kommentar
Naja, die Damen in Ehren, aber Engel sind sie gewiss auch nicht.... Man stelle sich vor, an jedem Platz, wo heute ein Mann sitzt, sässe eine Frau und umgekehrt. Es würden doch genausoviele Intrigen gesponnen. Und ausserdem hat er vergessen zu erwähnen, dass es durchaus brutale Frauen gab (Kopf der Viererbande (Mao's Alte)), Imelda Marcos, die lieber Schuhe als satte Arme hatte etc..... also bitte. Antworten





