Der Davonlaufer
Jean-Martin Büttner.
Der Wahlkampf um Rita Fuhrers Sitz in der Zürcher Regierung hat kaum begonnen, und bereits ist es zum Eclat gekommen. Und zwar auf einem Nebenschauplatz. Am Mittwoch traten Ernst Stocker von der SVP und der Sozialdemokrat Daniel Jositsch wieder einmal gegeneinander an, diesmal im Regionaljournal von Radio DRS, wo sie zur Minarett-Initiative der SVP Stellung nahmen. Stocker lehnt sie ab, hat aber, vor zwei Jahren im Kantonsrat, ein Bauverbot für Minarette noch unterstützt.
Soweit alles klar, korrekt und nicht der Rede wert. Beim anschliessenden Kurzgespräch auf DRS4 wollte Stocker nicht mehr über die Initiative reden. Nachdem sie der Moderator trotzdem thematisiert hatte, eskalierte das Gespräch, und der SVP-Kandidat brach es ab. Radio DRS stellte die Aufzeichnung ins Netz und lancierte damit eine Debatte über dessen Belastbarkeit. Dass sich Stocker vorgeführt fühlt, sei ihm unbenommen, zumal er sich der Debatte nicht generell verweigert hat. Dennoch muss auch er sich ein paar Fragen gefallen lassen.
Erstens liegt es nicht an ihm, einer Redaktion die Fragen vorzuschreiben. Erst Recht nicht als Vertreter einer Partei, die solche Anmassungen bei anderen zu Recht kritisiert.
Zweitens mutet es eigenartig an, wenn ein Kandidat schon wenige Tage nach Beginn eines Wahlkampfes dermassen gereizt reagiert. Man kann ihm die wiederholte Antwort auf die immergleiche Frage nämlich nicht ersparen. Die SVP wirbt mit einem grob diffamierenden Plakat für ihre Minarett-Initiative, ihre Forderung beschäftigt die Wählerschaft, also gehört sie zum Wahlkampf. Ernst Stocker hat sich widersprüchlich zum Thema geäussert. Er muss sich damit abfinden, dass man ihn immer wieder danach fragen wird, ob er ein Opportunist sei.
Drittens politisiert der Mann seit Jahrzehnten für eine Partei, die Streit sucht, Lärm macht, Attacken reitet und diese bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck einer lebendigen Demokratie verklärt. Dass jetzt ausgerechnet ein SVP-Mann dermassen schnell die Nerven verliert, wenn nicht alles so läuft, wie er es haben möchte, wirkt wenig souverän.
Viertens aber, und das ist das Entscheidende: Als Regierungsrat wird sich Ernst Stocker unter vielem anderen mit dem Flughafendossier beschäftigen müssen, das im Kanton seit Jahren für erbitterte Kontroversen sorgt. «Vertrauen schaffen», verspricht er von seinen Wahlplakaten herunter. Dazu aber braucht er einen kühlen Kopf. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.10.2009, 04:00 Uhr



