Meinung

Der Preis der Unterhaltung

Von David Nauer. Aktualisiert am 06.12.2010 4 Kommentare

David Nauer

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Samuel Koch ist schwer verletzt, seine Wirbelsäule beschädigt. Der junge Mann liegt seit seinem Auftritt bei «Wetten, dass . . .?» auf der Intensivstation. Wir alle wünschen ihm gute Besserung.

Gleichwohl sind wir etwas irritiert über die zur Schau gestellte Betroffenheit. Moderator Thomas Gottschalk tut es «furchtbar leid», dass es so weit kommen konnte. Kollegin Michelle Hunziker weinte nach dem Unfall heftig, musste sich von ihrer Mutter trösten lassen. Als Aussenstehender fragte man sich: Haben die beiden wirklich gedacht, es sei ungefährlich, mit Sprungfedern an den Füssen über fahrende Autos zu springen? Hat es sie wirklich überrascht, dass so eine irre Wette schiefgehen kann?

Gottschalk und Hunziker sind nicht allein. Wir alle haben ein seltsames Verhältnis zu den Gefahren des Lebens entwickelt. Wenn wir Velo fahren, dann nur mit Helm; wir cremen uns ein, sobald die Sonne scheint, und das Rauchen haben wir schon lange aufgegeben. Gleichzeitig ergötzen wir uns an einer TV-Show, in der sich Männer als menschliches Abschleppseil an einen LKW ketten, ein anderer sich von Autos überfahren lässt – oder eben: Samuel Koch zum Wahnsinnssprung ansetzt.

Das Risiko ist der Preis für die Unterhaltung, es bringt Spannung ins Wohnzimmer, Nervenkitzel. Aber wir sind nicht bereit, die Konsequenzen zu tragen. Jetzt, wo eine Wette schrecklich endete, sind alle geschockt: diejenigen, die mit der Sendung ihr Geld verdienen; jene, die viel auf sich nehmen für ein paar Minuten vor der Kamera – und die, die vom sicheren Sofa aus zuschauen.

Moderator Gottschalk hat seine Mitarbeiter nach dem Unfall davor gewarnt, künftig jede Gefahr zu vermeiden. «Dann sind wir beim Kindergeburtstag und blasen Kerzen aus.» Mit anderen Worten: Eine Kuschel-Show mit Vollkasko für die Teilnehmer möchte niemand sehen.

Fürs Publikum freilich müsste das nicht unbedingt ein Nachteil sein. Statt «Wetten, dass . . .?» zu schauen, besucht man dann vielleicht Freunde, lädt die Nachbarn ein oder spielt mit den Kindern. Es gibt so viel, was man an einem Samstagabend tun kann. Es muss nicht immer gleich ein lebensgefährlicher Sprung über ein Auto sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2010, 22:04 Uhr

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4 Kommentare

Christoph Geiser

06.12.2010, 10:13 Uhr
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Ist es nicht ein Zeitzeichen, dass wir zwar das Risiko wollen, aber die Konsequenzen nicht mehr zu tragen bereit sind? Investieren und reich werden wollen alle, gehen an die Börse und wenn sie verlieren schreien sie nach dem Staat. Ist das so viel anders? Unfälle können nun mal passieren. So tragisch sie sind, es gehört zum Leben. Samuel Koch hätts auch schaffen können. Dann hätten alle gejubelt. Antworten


Rolf Forster

06.12.2010, 09:40 Uhr
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Herr Nauer, Ihr Statement ist deplaziert. Zur Schau gestellte Betroffenheit? Da es schon in der Anmoderation angesprochen wurde, war offenbar beiden bewusst, dass die Wette gefährlich ist. Gleichwohl ist es wohl nichts als menschlich, bei so einem Unglück geschockt und betroffen zu sein. Ich fahre Auto und weiss um die Gefahren - trotzdem ist ein Unfall eines Anderen ein Erlebnis, das nahe geht. Antworten