Meinung

Der Terror ist unfassbar

Von David Nauer. Aktualisiert am 19.11.2010

David Nauer.

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Stell dir vor, es ist Terror, und fast keiner kriegt Angst. Diesem Motto folgt derzeit Deutschland, das Land, das in politischen Debatten für gewöhnlich zu Hysterie neigt. Klar, die Polizei steht schwer bewaffnet an Bahnhöfen, einige Politiker entwickeln wahnwitzige Ideen – «Handyverbot für muslimische Extremisten» –, der Boulevard giesst Öl ins Feuer. Überaufmerksame Zugpassagiere haben schon für einen Fehlalarm gesorgt.

Das wärs dann aber. Ansonsten bleibt das Land cool. Keine Spur von Panik, die Einkaufszentren sind voll, die Bahnhöfe auch. Selbst die Weihnachtsmärkte, die bald aufgehen, können sich auf dicke Umsätze freuen.

Woher kommt diese undeutsche Gelassenheit? Es muss daran liegen, dass der Terror so unfassbar ist, so unvorstellbar – der Terror ist ein Phantom. Bisher ist Deutschland verschont geblieben von blutigen Attacken wie in London, Madrid oder New York. Hier essen Minister in der Beiz zu Abend; selbst die deutsche Kanzlerin wird nachts nur von ein paar müden Streifenpolizisten bewacht.

Und wenn es mal eine Terrorwarnung gab, erwies sie sich als Fehlalarm. Einmal wurde der Flughafen München evakuiert, einmal jener in Berlin oder ein ICE-Zug nach Hamburg. Passiert ist – nichts. Da beruhigen sich auch die sensibelsten Nerven wieder.

Selbst die Angaben zum angeblich jetzt bevorstehenden Anschlag haben die Gefahr nicht plastischer werden lassen. Die Rede ist von «relevanten Sachverhalten» und «konkreten Ermittlungsansätzen». Die Terroristen kämen aus dem Ausland und würden planen, «ein Gebäude oder einen sichtbaren Platz» anzugreifen.

Mit Recht fragt der wache Bürger: Was soll denn das jetzt wieder heissen? Wer nachzuforschen beginnt, versinkt schnell in einem Dickicht von Gerüchten, anonymen Quellen und Mutmassungen. Die wirklich kompetenten Stellen schweigen. Und die, die etwas sagen, sind meist selbst ernannte Terrorexperten und wissen kein bisschen mehr als der gewöhnliche Zeitungsleser. Dem Publikum bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Alltag zuzuwenden und darauf zu vertrauen, dass die Behörden im Notfall ihren Job machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2010, 22:04 Uhr

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