Der weibliche Mehrwert

«Es mangelt an gezielter Frauenförderung und dem richtigen Zugang dazu. 'Gender diversity' ist keine soziale Schminke, sondern ökonomisch sinnvoll und notwendig.»

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Geworben wird mit Highheels, die neckische Flügelchen haben. Der Auftraggeber ist kein Schuhgeschäft, sondern die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Diese lädt so zum «Strategieworkshop für Frauen» ein. Wenn wir annehmen dürfen, dass sich irgendjemand tatsächlich Gedanken über die Anzeige gemacht hat, dann mangelt es offensichtlich an zweierlei: an gezielter Frauenförderung und dem richtigen Zugang dazu.

Ist das noch nötig in Zeiten, in denen Hillary Clinton als neue US-Aussenministerin gehandelt wird, in denen Frauen Nobelpreise bekommen und der deutsche Traditionskonzern Siemens die erste Frau in den Vorstand beruft?

Es ist nötig. Das zeigt die Reaktion auf Barbara Kux, die bei Siemens in München nun für den gesamten Konzerneinkauf verantwortlich zeichnet. Als «die neue erste Frau», wird sie in den Medien beschrieben, steigt wie ein Engel oder eine Wiedergeburt Evas in den Olymp der Konzernführungskräfte auf (nicht herab). Frauen kommen immer von unten nach oben, Männer steigen gelegentlich als Retter von oben ins Unternehmen herab.

Siemens hat nicht mehr als 150 Jahre gebraucht, um zu entdecken, dass auch Frauen in der Geschäftsleitung vorstellbar sind. Die Schweizerin Barbara Kux ist nun die zweite Frau in einem deutschen Dax-Konzern. Die erste sitzt im Vorstand der Hypo Real Estate und damit in einem Unternehmen, von dem man wegen der Finanzkrise nicht genau weiss, wie lange es das wohl noch geben wird.

In der Schweiz sieht die Situation kaum anders aus. Nur etwa 15 Prozent der berufstätigen Frauen arbeiten in Führungspositionen. Ganz oben wird die Luft noch dünner. Panalpina-Chefin Monika Ribar könnte vermutlich pro Tag auf drei Veranstaltungen darüber sprechen, wie es einer Frau gelingen kann, an die Spitze eines Unternehmens zu rücken.

Ja, wie gelingt es denn? Zum einen dadurch, dass mehr Zugangsmöglichkeiten für Frauen zu Spitzenpositionen geschaffen werden. Die ergeben sich eben nicht von selbst, wie die historische Erfahrung zeigt. Der Zutritt zum «boys' club» wird gut überwacht von den Herren der Schöpfung, die naturgemäss kein allzu grosses Interesse daran haben, sich selbst noch mehr Konkurrenz zu schaffen. Im Ergebnis sind Frauen in der Wirtschaft noch immer erschreckend unterrepräsentiert. Gut 16 Prozent der (vom Verwaltungsrat gewählten) Toppositionen der Fortune-500-Unternehmen sind mit Frauen besetzt.

Einige Länder haben deshalb politische Initiativen ergriffen, um Frauen gezielt in Führungspositionen zu fördern. So hat die norwegische Regierung 2002 ein Gesetz verabschiedet, das eine 40-Prozent-Quote für Frauen in Verwaltungsräten vorsieht.

Im Vorfeld dieses Entscheids gab es erhebliche Diskussionen. Inzwischen gestehen aber viele männliche Manager ein, dass die Frauen neue Impulse in die VR-Arbeit einbringen, die Stimmung positiv verändern und sehr effizient wirken.

Zum anderen müssen Frauen stärker motiviert werden, auch gegen Hindernisse den Weg an die Spitze anzutreten. Der schottische Ökonom Adam Smith hat die Grundlage dieser Überlegung in «The Wealth of Nations» formuliert: «Nicht auf das Wohlwollen von Metzger, Brauer, Bäcker hoffen wir, wenn es um unsere Mahlzeiten geht, sondern wir bauen auf deren Wertschätzung der eigenen Interessen.» Frauen müssen erkennen, dass niemand ihre Interessen für sie durchsetzt. Sie müssen es selbst tun. Dafür braucht es keine Flügel an den Stöckelschuhen, sondern Entschlussfähigkeit und Ausdauer.

Womöglich lernen die Männer dann, dass mehr Frauen in ihren Führungsriegen auch ihnen selbst zugute kommen. Eine Untersuchung der Fortune-500-Unternehmen hat schon für die Jahre 1996 bis 2000 gezeigt, dass die Unternehmen mit dem höchsten Frauenanteil im Management wirtschaftlich erfolgreicher waren. «Gender diversity» ist also keine soziale Schminke, sondern ökonomisch sinnvoll und notwendig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2008, 08:45 Uhr

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