Des Professors Bildungsutopie
Ein Philosophieprofessor, der in Deutschland lebt und den schweizerischen Arbeitsmarkt nicht kennt, hat mit einem «Weissbuch» zur «Zukunft Bildung Schweiz» Feuer im Dach des schweizerischen Bildungssystems gelegt. Mit seiner Bildungsutopie hat der Philosoph Walther Zimmerli rundherum alle, die in der Schweiz die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Berufsbildung kennen, in Rage versetzt: die Industrieverbände, den Gewerbeverband, die Gewerkschaften und alle, die die Bildungs- und Ausbildungspraxis von innen kennen. 70 Prozent der Jugendlichen sollen nach Zimmerli bis 2030 eine 12-jährige Grundausbildung bis zur Maturitätsstufe und dann eine Tertiärbildung auf Hochschulstufe absolvieren.
Wertvolle Berufslehre
Die Berufslehre ist demgegenüber für den Philosophen ein «Auslaufmodell». In gestelzter Akademikersprache urteilt er über das schweizerische Berufsbildungssystem so: «So ist es paradoxerweise exakt die pragmatisch utilitäre Ausrichtung der schweizerischen Bildungseinrichtungen, die u. a. für einen nur ungenügend entwickelten Wertschöpfungszyklus mitverantwortlich ist.»
Die Wirklichkeit zeigt das Gegenteil: Gerade dank dem praktisch ausgerichteten Berufsbildungs- und Weiterbildungssystem hat die schweizerische Industrie eine hohe Wertschöpfung, eine hohe Innovationskraft und gehört dank der Arbeitspräzision, der «Swissness der Arbeit», international zu den konkurrenzfähigsten. Es braucht Ingenieure und wissenschaftliche Spezialisten, aber es braucht auch Fachleute, welche die Innovationen und massgeschneiderten Lösungen mit Präzisionsarbeit, Exaktheit und Termintreue praktisch umsetzen.
Und dies ist dank der Berufslehre und dank der berufspraktischen Vorbildung der Fachhochschulabsolventen in der Schweiz möglich. Die Bedeutung des Berufsbildungssystems für die Volkswirtschaft und die Umsetzung der technologischen Innovationen wird verkannt: Was die Professoren nicht kennen, das messen sie nicht, und das existiert dann auch nicht in ihren Schreibtischmodellen.
Widersprüchliche Forderungen
Es ist erstaunlich und unverständlich, dass die schweizerischen Akademien der technischen Wissenschaften, der Naturwissenschaften und der medizinischen Wissenschaften mitgeholfen haben, dieses «Weissbuch» mit solchem akademischen Stuss herauszugeben. Haben die bundesfinanzierten, aufgeblähten Bildungsbürokratien überhaupt geprüft, was sie da mitunterzeichnen?
Vor einem Jahr hatten sie nämlich noch das Gegenteil gefordert: In ihrer Stellungnahme zur Berufsmaturitätsverordnung hatten sie sich zu Recht gegen die Gleichmacherei aller Bildungsgänge gewehrt mit der Forderung, die Revision dürfe «auf keinen Fall zu einer Verwässerung der klaren Unterschiede zwischen dieser Maturitätsstufe und der gymnasialen Maturität führen».
Praxis vor Theorie
Die Forderung des «Weissbuchs» nach einer 12-jährigen vollschulischen Grundausbildung bis 18 Jahre und einer anschliessenden Tertiärstufe für 70 Prozent der Jugendlichen entspricht dem Modell Finnlands, wo sogar 95 Prozent der Jungen in Einheitsschulen eine 12-jährige Grundbildung bis zur Maturitätsstufe besuchen. Finnland hat ein sehr gutes Schulsystem und liegt bei den Pisa-Tests stets an der Spitze. Doch Finnland hat kein Berufsbildungssystem, und es bezahlt diesen Mangel mit einer rekordhohen Jugendarbeitslosenquote von 27 Prozent (Dezember 2008). Die guten Pisa-Ergebnisse, welche die rein kognitiven schulischen Kenntnisse testen, sagen noch nichts aus über die Arbeitsmarktfähigkeit eines Bildungssystems. Deshalb ist das Bildungskonzept des Professoren-«Weissbuchs» ein direkter Weg in höhere Arbeitslosigkeit.
Schweden hat, wie es sich das «Weissbuch» wünscht, eine Maturitätsquote von 75 Prozent, Frankreich eine solche von 51 Prozent. Doch beide Länder weisen derzeit Jugendarbeitslosenquoten von 30 beziehungsweise 31 Prozent auf. Wo es keine formale Berufslehre gibt, fallen eben alle, denen in einem Fächerbereich die rein schulischen kognitiven Fähigkeiten fehlen, durch sämtliche Netze. Es gibt eine praktische Intelligenz, es gibt praktische, emotionale und soziale Kompetenzen, die in einer Berufslehre gefördert, aber in der rein schulisch-gymnasialen Bildung nicht geprüft und nicht bewertet werden können. In der Schweiz haben wir keinen generellen Akademikermangel. Vielmehr haben wir einen selbst verursachten Mangel an Ingenieuren, an Naturwissenschaftern und Ärzten. Wir brauchen im Inland eine Verdoppelung der Studentenzahlen in der Medizin, in den Naturwissenschaften und in der Ingenieurausbildung auf ETH- und Fachhochschulstufe.
Die Banken-, Börsen- und Versicherungsszene jedoch, die in den letzten drei Jahren Jungakademiker in grosser Zahl aus Deutschland rekrutiert und mit hohen Löhnen von den naturwissenschaftlichen Studiengängen abgezogen hat, alimentiert derzeit durch ihre Entlassungsschübe das Heer der Arbeitslosenversicherungs-Empfänger am stärksten. In den meisten Fachbereichen und Branchen sind heute Absolventen von Fachhochschulen begehrter und besser entlöhnt als Universitätsabsolventen. Und dies wird aller Voraussicht nach noch stärker der Fall sein, wenn die Uni-Bachelors mit ihren kaum berufsbefähigenden Abschlüssen auf den Arbeitsmarkt drängen. Der Arbeitsmarkt schätzt und favorisiert eben ganz pragmatisch den berufspraktischen Vorlauf mittels fundierter Berufsausbildung.
Abstruser Rating-Wettlauf
Die Tertiärbildung darf nicht einfach mit vollschulischer Hochschulbildung gleichgesetzt werden. Im Unterschied zur Sozialutopie des «Weissbuchs» kann sie bei uns auch auf einem andern als dem vollschulischen Weg über das Gymnasium erfolgen. Nämlich mit einer Berufslehre und anschliessenden spezialisierenden Weiterbildungsstufen, mit höheren Berufsprüfungen, Fachprüfungen, mit der höheren Fachschule und den Fachhochschulen. Der Bundesgesetzgeber hat diesen Weg als «gleichwertig, aber andersartig» definiert. Dieser Weg ist, rein statistisch beurteilt, der sicherere zur Arbeitsmarktfähigkeit.
Universitäten führen untereinander den abstrusen Rating-Wettlauf, wonach die Zahl der internationalen Publikationen als Qualitätsmassstab gilt. Ich schlage vor, dass anstelle oder neben den Ratings über die Anzahl Publikationen bei jeder höheren Bildungsinstitution auch die «Employability» gemessen und publiziert wird, also die Bewertung, wie viele Diplomierte diese Hochschulen und Studiengänge erfolgreich im Arbeitsmarkt untergebracht haben.
* Rudolf Strahm war vier Jahre lang Preisüberwacher (www.rudolfstrahm.ch) (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.09.2009, 10:05 Uhr



