Meinung

Die Fratze der Realpolitik

Von René Lenzin. Aktualisiert am 22.02.2011 1 Kommentar

Am tiefsten in der libyschen Falle sitzt Italien, dessen Premier Berlusconi sich wie kein anderer als Freund Ghadhafis profiliert hat.

René Lenzin

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Zuerst brannte Tunesien, ohne dass die westliche Welt auch nur im Geringsten auf den Sturz des von ihr gehätschelten Diktators Ben Ali vorbereitet gewesen wäre. Dann brannte Ägypten, und wieder wussten Europäer und Amerikaner lange nicht, wie sie auf den Fall Mubaraks reagieren sollten. Nun hat der Flächenbrand der Volksaufstände Libyen erfasst, was die EU in arge diplomatische Nöte versetzt.

In Tunesien sah besonders Frankreich alt aus, dessen Minister sich noch bis vor kurzem Ferien von Ben Ali bezahlenliessen. In Ägypten taten sich vor allem die USA und Israel schwer, das Ende des «geopolitischen Stabilitätsfaktors» Mubarak zu akzeptieren. Am tiefsten in der libyschen Falle sitzt Italien, dessen Premier Berlusconi sich wie kein anderer als Freund Ghadhafis profiliert hat.

Um an Erdöl zu kommen, Milliardenaufträge für seine Wirtschaft zu ergattern und den Migrantenstrom aus Afrika zu stoppen, hat Italien einen verrückten und menschenverachtenden Diktator hofiert, hat sich von ihm lächerlich machen lassen und die Augen vor seinem Unrechtsregime geschlossen. Da ist es nur konsequent, wenn Italien Ghadhafi nun nicht verdammen mag und hofft, die Dinge mögen sich irgendwie doch noch einrenken.

Viele andere westliche Staatschefs waren aus ähnlichen Motiven ebenso nachsichtig gegenüber dem Diktator in Tripolis. Sie haben es einfach nicht so offen gezeigt wie Berlusconi.

Am Beispiel Libyens offenbart sich der Zynismus der westlichen «Realpolitik» besonders deutlich. Was Ghadhafi, sein Clan und seine Schergen dieser Tage anrichten, praktizieren sie seit Jahrzehnten. Jetzt tun sie es einfach noch brutaler und noch gnadenloser als bisher. Dass sich der Westen erst jetzt zu einer Verurteilung durchringen kann, macht seine Reaktion wenig glaubwürdig.

Fast noch bedenklicher ist aber die Konzeptlosigkeit der europäischen Aussenpolitik. Spätestens nach dem Fall Mubaraks hätte sich die EU auf das Szenario Libyen vorbereiten müssen. Stattdessen improvisieren ihre Aussenminister eine Krisensitzung, wenn der Brand schon nicht mehr zu löschen ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2011, 23:44 Uhr

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1 Kommentar

thomas schneeberger

23.02.2011, 18:32 Uhr
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"Zynismus der westlichen Realpolitik". Nun die Quittung dafür. Sehr weiser Kommentar. Europa muss sich SEHR warm anziehen! Aber die SVP teufelt bereits am lautesten gegen Vorsichtsmassnahmen wegen möglicher Flüchtlingsströme, obwohl mit Hilfe "bürgerlichster" Politik all die Dreckgeschäfte mit Unrechtsregimes (auch China, dem unsere Politiker die Schuhe lecken, gehört dazu) durchgepaukt werden. Antworten