Die Rebellion wird für die Rebellen gemacht
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 20.11.2009 2 Kommentare
Constantin Seibt.
Ein Chaos. Vage Aussagen. Unklare Forderungen. Lange Vollversammlungen. Securitas. Flugblätter. Erzürnte Rektoren. Für Medien und ihr Publikum ist die Revolte in den Universitäten nichts, was sie auf die Reihe bringen. Es fehlen identifizierbare Sprecher und verhandelbare Ziele. Und die vom Protest angesprochenen Probleme sind zu gross und zu abstrakt, um Klarheit zu schaffen: die Bologna-Reform und die Verwirtschaftlichung der Welt. Also fotografiert man die Bettlaken mit den Protestslogans.
Warum verpassen die Medien den Kern der Revolte? Weil eine Revolte vor allem ein Strudel ist. Sie beginnt mickrig mit ein paar organisierten Leuten und ein paar oft trockenen Flugblättern. Dann, aus diffusen Gründen, zündet etwas, und immer mehr Leute kommen sehr schnell dazu. Die ursprünglichen Organisatoren verlieren die Kontrolle, Chaos bricht aus. Eine Revolte startet genau in dem Moment, wo keiner – auch die Teilnehmer nicht – sie überblickt.
Die heutige Studentenrevolte gleicht weniger 1968, dafür ist sie viel zu klein, sondern eher der Zürcher «Unitopie» 1989. Damals im Februar wurde an den Unis in Berlin gestreikt. Eine kleine Gruppe von Studentenpolitikern wollte Protest auch in Zürich. Ihr Start war nicht eindrucksvoll. Ein schepperndes Mikrofon, ein uninspiriertes Transparent.
Ich weiss das, denn ich war mit meinem Bruder zufällig da – wir wurden sofort Gegner des Protestes. Unser Eindruck war: Solang Studenten so langweilige Köpfe sind, verdienen sie keine besseren Strukturen. Mein Bruder ging ans Mikrofon und sagte das. 24 Stunden später sassen wir in mehreren Arbeitsgruppen, um den Aufruhr mitzuorganisieren, feilten an Flugblättern und arbeiteten an Plänen, wie man das Rektorat stürzen könnte.
So erging es damals vielen: Man sagte irgendeinen Unfug und war dabei. Arbeitsgruppen entstanden ohne Verzug und Planung, zu Vollversammlungen kamen plötzlich Hunderte von Leuten. Befeuert wurde die Sache durch das Rektorat, das Polizeigrenadiere rief, um die Uni zu räumen.
Die nächsten zehn Tage waren ein Wirbel: Ein Seminar wurde für eine Nacht besetzt, eine Demonstration organisiert, überall tagten Versammlungen, überall erschienen Flugblätter, man lernte täglich Dutzende Leute kennen und verbreitete auf einem gefälschten Flugblatt mit offiziellem Briefkopf: Der Rektor ist zurückgetreten. Ohne Vorwarnung entstand eine Revolte, die Hunderte beschäftigte. Jeden Morgen war es ein überwältigendes Gefühl, zur Uni zu kommen: Man wusste nicht, was passiert, aber man wusste, dass etwas passiert.
Nur warum? Neben der Polizei versuchten auch Reporter herauszufinden, was los war. Sie sprachen von 68 und suchten nach Anführern, um von ihnen informiert zu werden. Sie wirkten wie Ausserirdische.
Der grosse Kater danach
Die Revolte entfaltete sich eher im Diffusen. In Vollversammlungen wurden zwar über Stunden uni-politische Forderungen diskutiert, aber mehr einte eine Erkenntnis: dass man hier das Falsche lernte. Man lernte, aus interessantem Stoff langweilige Akten anzulegen. Man trainierte für eine Laufbahn als Bürokrat.
Heute hat der Protest in den Universitäten zwar ein klareres Ziel: die Bologna-Reform, die das Studium in ein atemloses Rattenrennen verwandelt hat – als ideales Training für eine Laufbahn als flexibler Angestellter. Trotzdem haben die Rebellen wenig Chancen: die Reform – ein bürokratisches Monster – war zu gross, lang und teuer, um sie zu kippen.
Was also wird bleiben? In Zürich 1989 beendeten die Semesterferien die Revolte. Nach den Ferien kamen statt tausend nur sieben Leute. Sie tranken verkatert einen Kaffee.
Je heftiger die Revolte, desto heftiger der Nachrevoltekater: Alles scheint wie in Watte gepackt. Selbst nach der Minirevolte: Es war unmöglich, die Universität weiter ernst zu nehmen: Jetzt, da dort nichts mehr geschah.
Aber selbst wenn das Ergebnis null ist, bleibt André Malraux' Satz: «Eine Revolution wird für die Leute gemacht, die sie machen.» Der Gewinn jeder Revolte für die Rebellen ist – neben vielen neuen Bekannten – gerade der Kater danach: Das Wissen, dass es in einer Gesellschaft auch anders zugehen könnte: wilder, schneller, direkter, fröhlicher.
Was Rebellen selbst ohne Erfolg bleibt, ist das Wissen um die Veränderbarkeit der Welt. Es ist das eigentlich politische Gefühl. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.11.2009, 04:00 Uhr



Thys Flueler
Es braucht ganz einfach alle 20 Jahre eine Revolution. Das hat nichts mit dem herrschenden System, sondern mit den Herrschenden zu tun. Mit den etablierten, mächtigen Fettaugen, die sich im Verlauf von 20 Jahren auf der Gesellschaftsbrühe bilden und die wieder einmal in der Brühe verwirbelt werden müssen, damit sich neue Fettaugen bilden können. Dass sich dabei nichts verändert ist klar. Antworten