Die Schmiergeldkultur der Banken
Von Rudolf Strahm. Aktualisiert am 30.06.2009 13 Kommentare
Den Geschäftsleuten ist es klar, Bürgerinnen und Bürgern auch. In Bern gehen den Verantwortlichen mit der üblichen Verzögerung allmählich auch die Augen auf: Im Geschäftsleben herrschen zwei ganz unterschiedliche Kulturen, nämlich eine Garantiekultur in der Realwirtschaft und eine Täuschungskultur im Finanzmarkt.
In der Realwirtschaft sind die Geschäftsregeln streng geworden: Wenn ein verkaufter Artikel mangelhaft ist, wird er ausgetauscht oder als Garantieleistung repariert. Viele Anbieter haben die Garantiedauer von 1 auf 2 Jahre ausgedehnt und sichern dem Kunden eine mehrjährige Ersatzteilgarantie zu. Im Detailhandel ist eine transparente Deklaration der Herkunft, der Zusatzstoffe, der Ablauffristen vorgeschrieben. Wenn in den Gestellen von Migros oder Coop ein Paket Haferflocken mit Maden oder eine Packung mit zerquetschten Hörnli auftauchen, ist dies bereits ein Reputationsrisiko. Wenn ein Kunde reklamiert, wird ihm anstandslos Ersatz geleistet.
Wenn Maschinen exportiert werden, garantiert der Exporteur die Installation vor Ort. Wenn Schäden entstehen, übernimmt er die Haftung. Bei Pannen schickt er den Monteur ins Ausland. Der Wettbewerb zwingt ihn zur Kundenorientierung und zur Pflege seiner Reputation. Selbst Schmiergeldzahlungen stehen dank Transparency International immer stärker unter Beobachtung.
Die Finanzmärkte sind anders. Seit den Neunzigerjahren haben sie eine Täuschungskultur entwickelt, die darauf abzielt, die Risiken und die Haftung voll auf den Kunden zu überwälzen. Man analysiere einmal die Begriffe in der Banken- und Finanzszene: Die «innovativen Finanzinstrumente» haben keinen andern Zweck, als die Anleger zu täuschen. Die Grossbanken köderten die Kunden mit «Capital Return Funds», mit «Kapitalschutzprodukten» also, die versprachen, man würde schlimmstenfalls den Zins aber nie das Kapital verlieren. Jetzt wissen wir, dass solche Anlagen bei den inzwischen geschlossenen Fonds den Kunden und Pensionskassen Verluste von 30 bis 40 Prozent brachten. Oder man sprach von «Securitization» («Sichermachen», Verbriefen), aber der Kunde erhielt nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Kursrisiken. Oder man editierte «innovative Produkte» mit dem klingenden Namen «Collateralized Debt Obligation», was übersetzt so viel wie «Verbund-Schuld-Obligation» heisst und eine Risikostreuung und eine höhere Sicherheit vortäuscht. Diese Obligationen waren mit Ramsch-Aktien unterlegt, deren Herkunft und Zusammensetzung verschleiert werden sollten. Die Liste der Verschleierungstricks liesse sich beliebig verlängern.
Die absolute Fehlentwicklung erleben wir bei den Kickbacks, Retrozessionen und Provisionen, welche die Anlageberater und die Vermögensverwalter von den Banken und Fonds heimlich erhalten. Kickbacks verführen zu höherem Risiko bei Vermögensanlagen, und der Anleger weiss oft nichts davon. Während im normalen Geschäftsleben Artikel 400 des Obligationenrechts gilt, wonach der Beauftragte jederzeit seine Einnahmen aus dem Mandat offenlegen und dem Kunden gutschreiben muss, werden bei den Banken und Vermögensverwaltern weiterhin Kickbacks ohne Offenlegung ausbezahlt. Die Finma hat mit ihrer Richtlinie vom Januar 2009 diese OR-Bestimmung ausgehebelt, indem sie gleich fünf Ausnahmemöglichkeiten einbaute.
Die gesamte Summe wird auf 5 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt. Die Finma beziffert sie auf 3,5 Milliarden Franken, was auch so enorm hoch ist und jedenfalls alle auf dem Finanzplatz Schweiz gesamthaft bezahlten Boni an Kader und Manager übertrifft. Bei einem Test von 18 Banken in der Schweiz durch das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» haben praktisch alle getesteten Banken die Transparenzanforderungen bezüglich der Kickbacks nicht erfüllt. Sechs Banken haben dem beauftragten Anlageprofi sogar eine Beteiligung oder die diskrete Teilung der Retrozessionen angeboten. (Der Schreibende ist Mitglied der Jury dieses Anlagetests.) Man kann solche Praktiken nicht anders als eine «Schmiergeld»-Kultur bezeichnen, abgesegnet von der Finanzmarktaufsicht, deren Präsident in seinem Verständnis von Geschäftskultur kein Unrechtsbewusstsein plagt. Für ihn sind solche Provisionen Dienstleistungsentgelte.
Manche Akteure möchten nach dem Ende der Finanzkrise möglichst rasch die «Reset»-Taste drücken und dorthin zurückkehren, wo man vor dem Absturz gestanden ist. Doch es darf kein «Reset» geben. Bei der Kickback-Praxis sind Regeln des Gesetzgebers nötig, da die in Bankinteressen befangene Finma nicht Ordnung ins Geschäftsleben zu bringen vermag. Es braucht mehr anonyme Bankentests, ähnlich wie die Warentests beim Detailhandel. Es braucht Spielregeln zu den Boni als Damm gegen die psychopathologischen Verirrungen in Gier und Macht. Und es braucht mehr Mut der Wirtschaftspresse, gegenüber der Finanzwelt jene Kundenkultur durchzusetzen, die in der Realwirtschaft gilt, nämlich Redlichkeit, Garantiepflicht und Realitätsbezug. Ohne die Berichterstattung dieser Zeitung über die Lehman-Anlageopfer und deren schnöde Behandlung hätte sich die CS nie zu einer Teilentschädigung der Geschädigten herabgelassen.
Markus Hutter, der neu gewählte FDP-Vizepräsident, ein Unternehmer aus der Realwirtschaft, hat vor drei Tagen in dieser Zeitung die Misere recht mutig offen beim Namen genannt: «Das Verhältnis zwischen Werk- und Finanzplatz stimmt nicht mehr, da braucht es Korrekturen.» Wir warten gerne auf die Korrekturen aus Bern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.06.2009, 06:32 Uhr
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13 KOMMENTARE
Patrick Raaflaub, Direktor der FINMA, war einmal bei der Credit Suisse tätig. Der Präsident der FINMA, Eugen Haltiner, war zuvor im Topmanagement der UBS. Wer da kritische und unabhängig operierende Chefs erwartet, glaubt an eine Kombination von Storch, Osterhasen und Samichlaus gleichzeitig.
Kein Wunder, ist einer wie Rudolf Strahm nicht bei der FINMA oder in einem VR einer Grossbank, er weiss einfach zu viel, ist kein braver Kopfnicker, sagt seine Meinung, solche Leute sind unerwünscht! Das bürgerlich dominierte Parlament wird keine griffigen Regeln erlassen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Immerhin dämmert es nun auch bei einigen FDP Politikern, wie Markus Hutter!
Es ist wirklich verwunderlich, dass die Banken hier nicht einrenken. Schliesslich haben wir ja noch die Glückskette, die den Finanz-Jongleuren die Provisions- und Boni-Ausfälle ausgleichen könnte...... Herrlich weit haben wir es gebracht, und auch die Finanzaufsicht will noch immer nicht hart eingreifen....
Danke, Herr Strahm, für diesen Artikel. Nur der öffentliche Druck bringt die Banken dazu, ihr Verhalten zu ändern. Und es scheint, das es noch viel Druck braucht. Bis jetzt ist immer noch wenig an Einsicht bei den (Gross-) banken spürbar.
So lange das pulverisierte Eigentum seine Verantwortung nicht wahrnehmen darf (auch mit Hilfe der SP), sind obige Vorschläge fromme Wünsche. Pierre Rappazzo
In der Finanzwelt wird mit falscher Psycho-Hygiene gespielt, oder anders gesagt wie bereits gesprochen, es sind zu viele Psychopaten am Werk, die mit fremden Eigentum spielen konnten und noch dürfen. Keine Verantwortung gegenüber der Ethik, keine Moral. Es sind zu viele Interessen, auch mit PolitikerInnen verknüpft, die sorglos mit mischen. Mathematische Scheinwelten sind keine Realitäten!
Kundenfeindliche Geschäftsmodelle können nur dort entstehen, wo sich die Kunden alles gefallen lassen. Man muss sich fragen, wieso sich die Kunden alles gefallen lassen. Weil sie von Geldgeschäften nichts verstehen? Oder weil sie die Banken als Komplizen für die asoziale Geldvermehrung schätzen? Wer sich solchen Geschäftsmodellen anvertraut, hat seine Gründe. Davon leben die Banken.
Die staatlichen Finanzaufsichtsbehörden scheinen sich ihrer Verantwortung nicht bewusst zu sein, oder sie sind ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Dies hat der Fall Madoff ganz klar aufgezeigt, denn das SED liess sich von der Reputation des grössten Betrügers aller Zeiten blenden. In der Schweiz geht man noch weiter und wählt einen ehemaligen UBS-Banker! Die Finanzmarktakteure kommen ungeschoren davon.
Seit Rudolf Strahm als Preisüberwacher im Ruhestand ist, schreibt er sehr gute, mutige Artikel in der Presse. Als ehemals Verantwortlicher in der Bankrevision unterschreibe ich jedes seiner Worte im obigen Artikel. Das Hauptübel ist die FINMA (früher EBK). Präsident und Mitglieder müsste man auswechseln. Die FINMA schläft oder hilft den Banken, anstatt für Ordnung zu sorgen.
Offenlegung ist das Stichwort: Anlageberater sollen verdienen, aber sie müssen dem Kunden sagen wieviel. War ich schon verwundert, als mir im Jahr 2004 die BEKB Papiere von Lehmann Brothers aufschwatzen wollten. Ich hatte Obligationen in Fr. verlangt. Die Leute von der BEKB waren nicht einmal fähig, die Rendite der Obligat. während der Laufzeit zu berechnen. Ich sagte sicher nicht und Adieu wohl.
Bemerkenswert am internationalen Finanzmarktgebaren ist der Umstand, dass sich z. B. der Ölpreis schon wieder hauptsächlich Kontrakt getrieben in die Höhe schraubt. Insofern wurde die Reset-Taste von gewissen Finanzmarktteilnehmern bereits schon gedrückt- und die ganze Welt schaut tatenlos zu. Seien wir doch ehrlich: Niemand aus Politik und Wirtschaft will Veränderungen- aber reden tun alle davon!
Gerade heute wieder erlebt: Das (viele) Geld meines Kunden will die Bank gerne nehmen. Im Vertrag hat sich der Bankjurist durch die Hintertür von sämtlichen "Garantien" und Risiken entbinden wollen. - Risikoloses verdienen. - Der Kunde soll die Risiken im Rahmen der von der Bank empfohlenen Anlage alleine tragen. - So ist "Geschäften" einfach. - Schwachstrom! Aber so ticken heute alle Banken.
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