Die hysterische Polanski-Solidarität

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 29.09.2009 37 Kommentare
Thomas Widmer.

Thomas Widmer.

Man kann die Reaktion hiesiger Kulturschaffender auf die Verhaftung von Roman Polanski eventuell mit dem Begriff der Verdrängung erklären. Heftig und auffallend gleichförmig klingt jedenfalls, was diese Leute seither geäussert haben. Alle schämen sie sich – für die Schweiz und ihr Vorgehen, versteht sich. Der Verband Filmregie und Drehbuch spricht von «Skandal». Schauspieler Gilles Tschudi empfindet «Schande». Und Filmer Christian Frei sagt: «Ich schäme mich in diesem Moment, Schweizer Bürger zu sein.»

An den vielen Reaktionen aus der Kulturszene fällt auf, dass sie die ursprüngliche Tat, Polanskis Sündenfall gewissermassen – nun, nicht beschweigen. Aber doch tendenziell wegschieben. Als reine Vergangenheit deklarieren. Um flugs ganz andere Töne, solche nationaler Schmach, anzuschlagen. Natürlicher, plausibler, logischer wären doch aber Statements der Zwiespältigkeit in Sachen Polanski. Verunsicherung. Gedankliches Hin und Her. Ein Ringen um Wahrheit und Wertung. Eine ethische Güterabwägung zwischen zwei Tatsachen: Roman Polanski hat erstens grossartige Filme noch und noch realisiert. Derselbe Polanski hat zweitens einen Fleck in seiner Vita.

Ein Täter wird Opfer

Mit Alkohol und einem Beruhigungsmittel macht sich ein 43-Jähriger eine 13-Jährige gefügig zum Sex: Dies ist der Urgrund der Siebzigerjahre-Angelegenheit, zu dem manche offenbar nicht mehr mit voller Fühlsamkeit vordringen wollen. «Das weiss doch längst jeder», hört man dieser Tage. Die Beiläufigkeit ist, mit Verlaub, verfehlt. Kulturschaffende sind Grossmeister der Sensibilität oder sollten es doch sein; wieso halten sie nicht eine Portion Empörung gegen Polanski aufrecht? Stattdessen machen sie – die jüngsten Statements bezeugen es – den Täter zum Opfer, dem alles Mitleid gebührt. Das echte Opfer wiederum soll Mitschuld tragen; das Mädchen habe älter ausgesehen, wird eine Schauspielerin zitiert, die damals dabei war.

Und wo bleibt überhaupt in der ganzen Affäre die Frauensolidarität? «Sexismus, Machismo, Patriarchat pur», müsste es eigentlich vom Feminismus her tönen; bloss hört man nichts dergleichen. Und kann man eine solche Tat theoretisch, im Abstrakten, total verdammen – um im konkreten Fall als mildernden Umstand anzuführen, die Frau habe ihrem Peiniger doch längst verziehen? Dieselbe Frau sagt heute auch, sie wolle keine Gerichtsverhandlung, um nicht ein weiteres Trauma zu erleiden. Unverletzt klingt das nicht.

Die Schweiz hat einem internationalen Abkommen genügt, indem sie Roman Polanski aufgrund eines internationalen Haftbefehls bei seiner Einreise in Zürich festsetzte. Dass im Übrigen ein berühmter, reicher Mensch vor dem Gesetz gleich viel gelten soll wie ein armer, unbekannter – man nennt das Prinzip «Rechtsgleichheit». Unsere Kulturschaffenden, die sich in der Regel als Stimme der Schwachen zelebrieren, scheinen zu dieser zivilisatorischen Errungenschaft ein windiges Verhältnis zu haben. Eine Von-Fall-zu-Fall-Haltung.

Genie gleich unschuldig?

Dass einer ein Kunstgenie ist, einer der grössten Filmer der Welt, schützt ihn in den Augen der Branche ebenso vor Strafverfolgung wie der Umstand, dass er seine Schuld vor langem eingestanden hat. Das Gros der Schweizerinnen und Schweizer aber hat letztes Jahr erst die Verjährungsinitiative angenommen. Sie will just verhindern, dass sexuelle Straftaten wie die Roman Polanskis ins Vergessen fallen.

Für die hiesigen Kulturschaffenden soll die Sache aus dem Jahr 1977 erledigt sein. Sie soll partout kein Thema mehr sein. Mit dem Mechanismus der Verdrängung verhält es sich aber bekanntlich so: Die zensierte Emotion bahnt sich unter äusserem Druck einen neuen Weg, ventiliert sich umso dramatischer. Daher vermutlich die reflexhafte Hysterie, mit der nun gegen die Verhaftung Roman Polanskis protestiert wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2009, 04:00 Uhr

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37 Kommentare

Adrian Engler

29.09.2009, 08:55 Uhr
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Diese Kulturschaffenden sollten erklären, ob sie generell gegen die Bestrafung des sexuellen Missbrauchs von Kindern sind oder ob sie nur fordern, dass ein berühmter Regisseur bei einem solchen Delikt straffrei bleiben soll. Diese "Empörung" der Künstler ist unerträglich. Sicher, der Fall ist recht komplex, aber die Reaktion dieser Künstler ist unentschuldbar. Antworten


Erich Deiss

29.09.2009, 11:17 Uhr
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Es gehört zur Kultur einer zivilisierten Gesellschaft, dass man 13-jährige Mädchen nicht vergewaltigt. Wer das nicht versteht, hat wohl ein sehr schräges Verständnis von Kultur. Antworten



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