Ehre ist ein entzündeter Blinddarm

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 03.02.2010

Constantin Seibt.

Constantin Seibt.

Der Rauswurf aus der Armee hat dem Armeechef optisch gut getan. Er sah weit besser aus als auf den Fotos aus Dienstzeiten. Der militärische Kurzhaarschnitt ist weg: Roland Nef wirkte mit Gel-Frisur geradezu elegant.

Leider blieb die Frisur das Klügste seines TV-Auftritts. Denn sonst machte Nef so gut wie alles falsch: Er ging mit keinem Wort auf die Vorwürfe ein. Stattdessen berief er sich auf juristische Finessen. Und klagte die Presse an. Und sprach von einer «generalstabsmässig geplanten» Intrige: «Man hat mich missbraucht, um Bundesrat Schmid zu schaden.»

Kein Wort sagte Roland Nef zu der wüsten Geschichte, wie er sich laut Polizeiprotokollen zwei Jahre an seiner Ex-Freundin gerächt hatte: mit nächtlichen Telefonaten, Beschimpfungen und Sex-Inseraten in ihrem Namen.

Nef lieferte keine Erklärung, keine Entschuldigung. Stattdessen sprach er von seiner Hoffnung, wieder einen Chefposten zu bekommen. Am Bildschirm kämpfte ein blinder, verzweifelter Mann um seine Zukunft, die nur noch seine Vergangenheit ist.

Der Fall des Armeechefs Roland Nef ist tief. Aber beileibe nicht einzigartig: Andauernd fallen führende Köpfe der Schweiz in gesellschaftliche Ungnade – wenn auch nicht wegen obszöner Inserate, sondern wegen obszöner Geschäftspraktiken.

Es ist, als ob der lang verschüttete Begriff der Ehre wiederaufgetaucht wäre. Allerdings nicht positiv – kaum jemand kennt heute noch einen Mann oder eine Frau von Ehre –, sondern ausschliesslich negativ: als Gefahr. Etwa so, wie sie der Satiriker Karl Kraus beschrieb: «Ehre ist ein Wurmfortsatz am seelischen Organismus. Ihre Funktion ist unbekannt; aber sie kann Entzündungen bewirken.»

Tatsächlich spielen Ehre und Moral in den Entscheidungen im Big Business kaum eine Rolle: Es sind Dinge, die sich weder in Charts noch in Aktienkursen messen lassen. Eine ganze Industrie von Professoren und Journalisten schrieb jahrelang, dass der Erfolg sich messen liesse: in Charts, Kursen, Franken. Und schrieb, dass die einzige Methode, einen Mann zu motivieren, die des Esels vor dem Karren sei: ihm die riesige Boni-Möhre vor die Nase zu hängen.

Es war eine kühle, moral- und vermeintlich illusionsfreie Sicht der Menschen – und sie brachte überraschende Resultate: Bald erkannten die Esel, dass es viel lohnender war, direkt die Möhre zu nehmen und den Karren sausen zu lassen.

Die Folge waren spektakuläre Pleiten – von New Economy über Swissair bis zur UBS – und eine primitive Rückkehr der Moral: Unter Empörung wurden die Chefs entehrt – von Mühlemann über Honegger bis Ospel – und durch Kopien ersetzt: Oft die Nummer 2 oder 3 der Firma, die nicht genug Macht gehabt hatten, sich zu blamieren.

Die Ausgestossenen bleiben mit Millionen in steuergünstigen Villen zurück, zum ewigen Golfspiel verdammt. Geld, aber keine Ehre, also keine Macht mehr zu haben, liess sie zurück «wie Fliegen, denen man die Flügel ausgerissen hat – sie surren noch, kommen aber nicht mehr vom Boden hoch», so der PR-Profi Klaus Stöhlker.

Der Unfug dieses Rituals liegt auf der Hand. Zum Ersten ist die persönliche Ächtung eine letzte Verbeugung vor der Grösse des Chefs. Zum Zweiten werden so nur Köpfe gewechselt, nicht aber deren Inhalte: die Einsichtslosigkeit der heutigen Bankenbosse ist die ihrer Vorgänger. Kein Spitzenbanker hat sich bis heute entschuldigt – sie blieben trotzig wie der Armeechef Nef.

Geändert hat sich nur eins: Die private Ethikindustrie blüht – eine Rekordzahl von Kommunikationsprofis berät sich stetig seifiger äussernde Topkonzerne und Topleute.

Dabei ist Moral keine Frage weicher Faktoren. Weder Predigten noch Empörung, noch Firmenkodexe helfen. Sondern Moral ist eine Folge harter politischer Entscheidungen. Die Mittelklassemoral mit unauffälligen Chefs in den Nachkriegsjahrzehnten war eine Folge von hohen Spitzensteuersätzen und langweiligen Restriktionen für die Banken; die heutigen Exzesse sind eine Folge von unreguliertem Kapital, Steuerwettbewerb und der Folge aller unübersichtlichen Verhältnisse: der Ruf nach starken Männern an der Spitze der Konzerne.

Öffentliche Hinrichtungen – auch symbolische – sind ein uraltes Vergnügen, sicher. Aber auch Unfug, solange man nicht politisch die Regeln an die schnelle Welt anpasst. Letztlich sind respektable Chefs eine Frage der Intelligenz – ihrer Untergebenen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2010, 04:00 Uhr

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