Meinung

«Ein eigenes Haus macht einem zur Schnecke»

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 22.03.2010

Constantin Seibt.

Constantin Seibt.

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Ja

 
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Nein

 
42.6%

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Jeder Traum hat seine Zeit; und ist die Zeit um, dann vergiftet er die Herzen derer, die ihn träumen.

Der Traum des eigenen Hauses ist so ein Traum – er war der Traum im Optimismus des Wirtschaftswunders, als Haushaltgeräte noch Frühlingsduft und Zuversicht verbreiteten.

Wer heute die Stadt verlässt und übers ehemalige Land fährt, ob durch die Steuerflucht-Villenorte am See oder durch die Schlafstädte in der Anflugschneise, sieht tausendmal das Gleiche: Haus, Auto und Zaun.

Längst ist das Mittelland mit Architekturkrebs überzogen. Was einst ein Heim war, ist längst ein Monument der Routine. So wie einmal Häkeldeckchen Gemütlichkeit verströmten und heute ersticken, so wird das Haus heute selbst zur Falle: für die kleine Familie, die hier stirbt. Das Pendeln, der Pingpongtisch im Garten, der Ehekrach, das Sonntagsfrühstück, die Langeweile der Kinder – in einem eigenen Haus im Halbgrünen gibt es dafür kein Entkommen.

Der Wunsch nach dem Haus beginnt mit einer Lüge der Banken und dem Traum vom Hobbykeller und von Terracotta-Fliesen in der Küche. Die Lüge der Banken heisst: «Kaufen ist billiger als mieten.» Das stimmt nur noch so lange, wie die Zinsen tief bleiben. Sonst wird die Hypothek als Fessel auf allen Plänen lasten.

Kein Albtraum ist teurer als das Bauen: ein dreijähriger Krieg mit Architekt und Handwerkern. Aktive Bauherren erkennt man auf Fotos am Aussehen: 20 Jahre älter als zuvor und danach. Bis zu 70 Prozent ist der Hausbau für schutzlose Einzelkämpfer teurer als für die Profis der Genossenschaften und Grossfirmen.

Doch wirklich schlimm ist die Zeit danach: Die Entscheidung ist getroffen, die Hecken, Regale, Sofas stehen und dann passiert: nichts mehr.

Oder, genauer, alles passiert zu langsam, um es zu bemerken: Die Kinder wachsen und verlassen den gemähten Garten, die Jobs wechseln und verlassen den Nachbarort, die Eheleute lernen sich kennen und vergessen einander. Ein Haus aber bleibt.

Draussen ist die Zeit im Fluss: Auf einem Planeten mit alles überflutenden elektronischen Meeren aus Nachrichten, Geld und Gewisper sind Gewissheiten, Zwänge und Wünsche vorläufig: kaum etwas, was nicht verschwimmt, wenn man es genau ansieht. Die Zukunft hat keine Zukunft mehr, und Fundamente sind längst unterspült.

Im Meer der Gegenwart sollte man leicht werden wie das Seegetier: leicht im Denken und im Herzen. Man sollte es an nichts hängen, was schwerer ist als ein Koffer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 04:00 Uhr

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