Es droht der Abschied von der Berufswelt

Von Rudolf Strahm. Aktualisiert am 15.06.2009 3 Kommentare
Rudolf Strahm

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In der Bildungslandschaft Schweiz hat es in den letzten Jahrzehnten zwei Erfolgsmodelle gegeben: die Fachhochschulreform 1995–2000 und die Berufsbildungsreform 1996– 2005. Demgegenüber wird der derzeit laufende Schulkoordinationsversuch «Harmos» nicht ein einheitliches schweizerisches Schulmodell hervorbringen, sondern sich im föderalistischen Gestrüpp verschiedener Kantonsentscheide und Regionalinteressen verirren.

Was war entscheidend für die erfolgreichen Reformen der Fachhochschulen und der Berufsbildung? In beiden Fällen gab es eine einzige Steuerungsinstanz, nämlich den Bund in Zusammenarbeit mit den Organisationen der Arbeitswelt auf eidgenössischer Ebene. In beiden Fällen hatte es auch Kantönligeist, Lokalinteressen und Prestigekämpfe einzelner kantonaler Bildungsdirektoren um Fachhochschulstandorte und Berufsschulzweige gegeben. Nur dank der zentralen Steuerung ist die Reform überhaupt erfolgreich geworden. Bei Harmos wird man dies nicht behaupten können.

Jetzt droht ein Rückschritt. Unter dem wohlklingenden Titel «Hochschullandschaft Schweiz» soll mit dem Hochschul-Förderungs- und Koordinationsgesetz HFKG die Ausbildung in Universitäten und Fachhochschulen neu geregelt werden. Dieses Gesetz ist ein Rückschritt hin zur Dominanz der Kantonsinteressen. Als zentrales Entscheidorgan ist ein 15-köpfiger schweizerischer Hochschulrat in folgender Zusammensetzung vorgesehen: ein Bundesratsmitglied als Präsident oder Präsidentin, und dazu 14 kantonale Bildungs- oder Erziehungsdirektoren. Im Vordergrund stehen die Regierungsräte der Universitäts- und Fachhochschulkantone. Dem Bund mit einem einzigen Sitz bleibt nur das Vetorecht, aber fast keine konstruktive Steuerungsmöglichkeit. Als wichtigstes meinungsbildendes Organ soll die Hochschulrektorenkonferenz schweizerischer Hochschulen wirken, die naturgemäss die akademische Bildungslogik verfolgt.

Das ist ein Rückschritt in den Kantönligeist und eine Akademisierung mit dem Abschied von der Arbeitswelt. Der Einfluss der Organisationen der Arbeitswelt (ODA), also der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, hat bisher im Berufsbildungs- und Fachhochschulbereich die Arbeitsmarktnähe und die praktische Orientierung sichergestellt. Demgegenüber haben sich bislang die kantonalen Erziehungs- und Bildungsdirektoren mit wenigen Ausnahmen viel stärker für den schulischen Bildungsweg über Gymnasien und Universitäten stark gemacht. 1995 wollte die Erziehungsdirektoren-Konferenz die Berufsbildung auf Bundesebene sogar abschaffen.

Viele sind sich nicht bewusst, dass mit diesem neuen Hochschul-Förderungs- und Koordinationsgesetz (HFKG) eine Gleichmacherei von Fachhochschulen und Universitäten angestrebt wird, welche die Stärken der berufspraktischen Ausbildungsgänge in den Fachhochschulen im Kern trifft.

Fachhochschulen sollen mit diesem Gesetz der gleichen Steuerung und der gleichen Hochschulkultur unterstellt werden wie die Universitäten. In der Wirkung ist dies eine Abwertung der Besonderheiten und Stärken der Fachhochschulen: der berufspraktischen Vorbildung mit Berufslehre und Berufsmaturität.

Die Stärke der schweizerischen Fachhochschulen, die in der KMU-Schweiz das Innovationsrückgrat darstellen, bestand bislang darin, dass sie gegenüber den Universitäten «gleichwertig, aber andersartig» sind. Ein Fachhochschulabsolvent, eine -absolventin hat in der Regel zuerst eine Berufslehre absolviert sowie zusätzlich (berufsbegleitend oder nach dem Lehrabschluss) eine Berufsmaturität bestanden und danach ein dreijähriges Studium absolviert. Er oder sie kennt damit die Berufspraxis von Grund auf. Deshalb sind Fachhochschulabsolventen in vielen technischen Fachrichtungen heute im Arbeitsmarkt begehrter, ebenso gut oder besser entlöhnt und werden häufiger für Führungsfunktionen eingesetzt als Universitätsabsolventen. Die Titelgleichheit des «Bachelor» mit dem «Universitäts-Bachelor» ist ein Downgrading, eine Abwertung des Fachhochschul-Ingenieurs. Der Universitäts-Bachelor wird zu einem Allerwelts-Titel und dürfte in der Wirtschaft nicht hoch bewertet werden.

Es ist bezeichnend, dass sich die ETH, die eine «Excellence» in der globalen Positionierung anstrebt, aus dem Hochschul-Förderungs- und Koordinationationsgesetz ausgeklinkt hat und den Titel «Ingenieur ETH» beibehalten wird. Sie will sich aus dieser Hochschul-Gleichmacherei heraushalten. Die Fachhochschul-Dozentenschaft demgegenüber hat aus standespolitischen Gründen die Universitätslogik übernommen. Sie möchte sich auch mit dem Professorentitel schmücken. Doch die Universitäten betrachten die Fachhochschulen bloss als Hochschulen zweiter Klasse, als ein Überlaufgefäss für die gymnasiale Massenproduktion.

Man sollte verhindern, dass das Erfolgsmodell «Fachhochschule Schweiz» durch dieses Akademisierungsexperiment demontiert wird. Wenn man dem eidgenössischen Parlament, das sich demnächst mit dieser schief geratenen Vorlage befassen wird, raten müsste, dann sollte man ihm mindestens zwei Dinge ans Herz legen: Erstens muss der neue Hochschulrat durch mindestens vier Vertreter aus den Organisationen der Arbeitswelt – vom Bundesrat bezeichnete zwei Arbeitgeber- und zwei Arbeitnehmervertreter – ergänzt oder erweitert werden, damit auch die Arbeitsmarktnähe und die berufspraktische Ausrichtung in der Hochschulstrategie überhaupt eine Stimme erhalten.

Zweitens muss zum Eintritt in eine Fachhochschule weiterhin eine abgeschlossene Berufslehre plus Berufsmaturität die Norm-Eintrittsbedingung bleiben. Sonst werden die Fachhochschulen zu Universitäten zweiter Klasse. Denn nach der Bologna-Reform gibt es kaum etwas Arbeitsmarktferneres in diesem Lande als unsere Universitäten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2009, 21:18 Uhr

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3 Kommentare

Elisabeth Hasler

16.06.2009, 10:28 Uhr
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Ein treffender Kommentar von Rudolf Strahm. Ich wähle in der Regel nicht SP, aber Strahm hätte meine Unterstützung. Er ist vor allem in Wirtschaftsdingen beschlagen, aber auch im Bildungsbereich trifft er den Nagel oft auf den Kopf. Die Verwischung der Unterschiede zwischen Universität/ETH und Fachhochschule ist für beide kontraproduktiv & nivelliert die Stärken beider zum Schaden aller. Schade. Antworten


Ernst Haller

16.06.2009, 19:15 Uhr
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Ich teile die Analyse nicht: Die Berufsmatura ist als Zulassungsbedingung zur Fachhochschulausbildung ausdrücklich vorgesehen und die Organisationen der Arbeitswelt sind ebenfalls in die Hochschulkonferenz integriert, als Ausschuss. Wirtschaft und Gesellschaft können damit die Geschäfte der Hochschulkonferenz kritisch begleiten! Wichtig wird sein, dass eine starke Bundesrätin den Bund vertritt. Antworten