Freidenker auf bizarrer Mission
Von David Schaffner. Aktualisiert am 06.10.2009 10 Kommentare
David Schaffner.
An der Grundannahme ihrer Botschaft gibt es nichts auszusetzen: Auch der Autor dieser Zeilen hält es für wahrscheinlich, dass es keinen Gott gibt. Die Haltung der Stadt Zug, die die Plakate der Schweizer Freidenker-Vereinigung verboten hat, ist ein Skandal. In einem Land, das die Meinungsfreiheit hochhält, darf man einem Atheisten nicht einfach den Mund verbieten.
Dennoch ist die Aktion der Freidenker überflüssig und ärgerlich: Sie haben sich mit den Plakaten das falsche Medium ausgesucht und verheddern sich in Widersprüchen mit ihrem eigenen Weltbild. Freidenker sind liberale Menschen. Sie haben mit den Dogmen der Weltreligionen gebrochen und wollen jedem Individuum die Freiheit lassen, seinen eigenen Weg zu gehen. Auf ihrer Homepage betont die Vereinigung, dass sie für die Gleichberechtigung aller weltanschaulichen Gruppen eintritt.
Freidenker mit missionarischem Eifer
Bei dieser Geisteshaltung ist es überraschend, dass sich nun auch die Freidenker dazu berufen fühlen, von den Plakatwänden herunter zu predigen wie die Pfarrer von der Kanzel. Läge ein Vorteil der atheistischen Weltansicht nicht gerade darin, dass sie keinen Anlass gibt zu missionarischem Eifer? Die Freidenker begründen ihre Aktion damit, dass sie ein Gegengewicht zu jenen dogmatischen Botschaften schaffen wollen, die freikirchliche Gruppen schon lange streuen.
Indem sie zu den gleichen Methoden greifen wie jene Kreise, deren Propaganda sie ablehnen, schaffen sich die Freidenker jedoch ein Problem: Ein Plakat lässt nichts anderes zu als eine plakative – und somit dogmatische – Botschaft. «Es gibt wohl keinen Gott, also sorge dich nicht und geniesse das Leben», schreiben die Atheisten. Damit sagen sie nichts anderes als: Wer an Gott glaubt, liegt falsch und kann das Leben nicht wirklich geniessen.
Sektiererischer Unterton
Die Freidenker stellen mit dieser Haltung einen Anspruch, der der Radikalität und Ausschliesslichkeit religiöser Eiferer in nichts nachsteht. Sie erinnern mit ihrer Kampagne an jene sektiererischen Prediger, die die Öffentlichkeit nur deshalb suchen, um sich im Scheinwerferlicht als jene Auserwählten zu inszenieren, die die einzige Heil versprechende und Glück bringende Botschaft verkündigen. Der schale Geschmack der Kampagne wird dadurch verstärkt, dass die Freidenker mit der angeblichen Genussfeindlichkeit der Gläubigen ein Problem herbeireden, das in der Schweiz wahrscheinlich gar keines ist. Natürlich kann übertriebene Religiosität dazu führen, dass Menschen ihr Leben nicht geniessen. Aber wie viele Menschen in der Schweiz lassen sich tatsächlich durch ihren Glauben die Freude am Leben verderben?
Natürlich gibt es auch in der Schweiz eine Minderheit, die fanatischen Ansichten verfallen ist und sich Gesetzen oder Ritualen unterwirft, die ein moderner Mensch als unzulässige Einschränkung seiner Freiheit und seiner Glücksfindung empfindet. Die meisten Christen, Muslime und Juden haben jedoch ein moderates Glaubensverständnis. Sie pflegen die Religion als einen Teil ihrer Tradition. Ihren Alltag richten sie nicht nach sturen Dogmen, sondern nach einer aufgeschlossenen und vielfältigen Weltsicht aus.
Diese Menschen legen in ihrem Umgang mit der Religion eine grössere Gelassenheit an den Tag als die Atheisten, die eigentlich gar nicht an Gott glauben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.10.2009, 04:00 Uhr
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10 Kommentare
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Zugegeben, die Botschaft der Freidenker wirkt etwas gar dogmatisch und ob Plakatwände wirklich der richtige Ort sind um solche Inhalte zu propagieren ist fraglich. Doch man muss verstehen, dass die Plakat-Aktion als Reaktion auf die Bibelspruchplakate der Agentur C gedacht sind, daher die Wahl des Mediums. Antworten
Guter Kommentar! Es ist für mich völlig irrelevant ob es wahrscheinlich keinen Gott gibt oder möglicherweise vielleicht doch. Es bleibt fehlendes Wissen und damit handelt es eben um Glauben. Die Plakate der Freidenker (auch wenn ich viele Ansichten teile) finde ich ebenfalls unnötig. Antworten





