Frischluft für die Schule
Antonio Cortesi.
Das Wort «Quereinsteiger» hat in Lehrerkreisen keinen guten Klang. Für viele Pädagogen schwingen die Schimpfbegriffe «Schnellbleiche» und «Berufsabwertung» mit. Bis zu einem gewissen Grad ist das verständlich, denn die Lehrer haben es schon heute zur Genüge mit besserwisserischen Eltern und neunmalklugen Behörden zu tun. Braucht es da noch Kolleginnen und Kollegen, die sich das pädagogische Rüstzeug in minimaler Frist angeeignet haben?
Es braucht sie tatsächlich – nicht nur wegen des akuten Lehrermangels. Erstens bekommt der Volksschule Frischluft generell gut. Viele Lehrer bewegen sich heute zu sehr in einem immanenten, abgekapselten System. Sie waren selber mal Schüler, hatten vielleicht eine Lehrperson besonders bewundert – und wechselten mit der Berufswahl bloss die Seite. Es verwundert nicht, dass ausgebrannte Lehrkräfte bisweilen glauben, in Berufen der Privatwirtschaft herrsche stets eitel Sonnenschein.
Zweitens werten Quereinsteiger den Lehrerberuf nicht ab. Im Gegenteil: Wenn sich Ingenieure, Ökonomen oder Juristen entscheiden, ins viel gescholtene Pädagogenfach zu wechseln, resultiert daraus für den Lehrerjob ein Imagegewinn. Der Beruf wird attraktiver. Im Idealfall auch für Männer. Die von der Lehrerschaft beklagte Feminisierung des Berufs könnte endlich gestoppt werden.
Die Frage ist bloss, ob sich genügend profilierte Quereinsteiger finden lassen. Kinderliebe allein und die Aussicht auf etwas mehr Ferien werden als Motivation zum Umsatteln nicht genügen. Auch das Salär muss stimmen. Und da besteht im Vergleich zur Privatwirtschaft ein beträchtlicher Nachholbedarf, wie eine Lohnstudie kürzlich gezeigt hat. Ganz zu schweigen von den Arbeitsbedingungen, die immer mehr von administrativem Kleinkram dominiert werden.
Der angestammten Lehrerschaft bleibt in Anbetracht des akuten Personalmangels kaum anderes übrig, als die Quereinsteiger willkommen zu heissen. Dabei sollte sie punkto pädagogischer Ausbildung nicht allzu pingelig sein. Selbst Skeptiker anerkennen, dass Quereinsteiger meistens sehr motiviert seien und ihrem neuen Beruf treu blieben. Was will man mehr? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.07.2010, 22:12 Uhr





