Für Lovos wird der Konsumverzicht zur Tugend
Von David Bosshart. Aktualisiert am 10.12.2008 4 Kommentare
David Bosshart ist CEO des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, das soeben den Trendradar 3.08 publiziert hat.
Die Welt geht gleich unter. Dies könnte man zumindest glauben, wenn man den Experten zuhört und die Schlagzeilen verfolgt. Alle sehen sie schwarz: für die Umwelt, für die Finanzwirtschaft, für die überalterten westlichen Grossmächte. Wer jetzt aber Hoffnung und den Glauben an die Zukunft zurückgibt, ist umso willkommener. Die Zukunft gehört jenen, die unseren Innovationsgeist mit neuen Ideen für eine bessere Welt anregen. Das hat Barack Obama schon früh gemerkt: «Yes we can.»
Mit der Sorge um die Umwelt wachsen die Schuldgefühle. Das verlangt nach demonstrativen Opfern. Bewusster Konsum bedeutet darum auch demonstrativen Verzicht. Auf den berühmten ostentativen Geltungskonsum, den der Ökonom Thorstein Veblen beschrieb, folgt der ostentative Geltungsverzicht. Geopfert wird zuerst, was sichtbar und überflüssig ist: also die Symbole des Luxus wie teure Uhren, Handtaschen, Mode oder Autos. Können Sie auf Besitz von Gütern verzichten und damit allenfalls sogar Neid bei den Kollegen erregen? Dann sind Sie auf dem richtigen Weg.
Denn es zeichnet sich eine neue Bescheidenheit ab. Plötzlich verzichten Unternehmen auf neue Prestigebauten, Banker auf hohe Boni und amerikanische Konsumenten auf grosse Autos. Die Trendforscherin Faith Popcorn bringt es auf den Punkt: «Cashing Out» heisst die neue Lebensphilosophie im «Age of Less», im Zeitalter des Weniger: Ballast abwerfen, einfacher leben, Verzicht wird zur Tugend. Das bedeutet, aus dem westlichen Leistungskult auszubrechen und neue Lebensqualität zu gewinnen.
Das finden auch die Lovos-Anhänger. Die Abkürzung steht für Lifestyle of Voluntary Simplicity, es geht um neue, weniger aufwändige Lebens-, Produktions- und Konsummodelle - bis hin zum Konsumverzicht. Von dieser Rückbesinnung profitieren die Bauern. Der US-Bio-Supermarkt Wholefoods etwa stellt den Konsumenten seine Landwirte im Supermarkt live vor. Der Andrang ist jeweils gross, wenn die Produzenten von ihrer Farm erzählen. Grund für den Erfolg ist die Verunsicherung der Konsumenten. Sie wollen jetzt wissen, wo ihre Karotte wuchs und auf welcher Wiese ihr Steak auf welche Weise aufgezogen wurde. Regionale Produkte geniessen besonderes Vertrauen.
Das Paradoxe dabei: Einerseits hat das steigende Misstrauen gegenüber der Wirtschaft dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich nach einer «Entindustrialisierung» sehnen - nur ja keine Massenfertigung. Andererseits kündet das «Age of Less» mit Verteilungskämpfen um Wasser und Brot eine Neuerfindung der industrialisierten Agrarwirtschaft an. Denn um die dereinst neun Milliarden Münder des Jahres 2050 zu füttern, braucht es radikale technologische Innovationen. Die Herausforderung wird darin bestehen, die Fehler der «alten» Industrialisierung zu vermeiden und stattdessen sozial und ökologisch nachhaltig zu handeln: eine Übersetzung des «guten» Produzierens auf die Massenebene.
Ohne ins Horn der Apokalyptiker zu stossen: Es stehen Entscheide an, die kommende Generation betreffen. Sind wir lernfähig oder nicht? Unterstützen wir marode Industrien mit vielen Staatsmitteln - oder haben wir den Mut, über unseren Schatten zu springen und die Zukunft zu gestalten? Ändern müssen wir unser Verhalten so oder so: Entweder aus Vernunft. Oder aus Zwang. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.12.2008, 09:36 Uhr
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4 Kommentare
Jetzt kommen die Apologeten der Finanzkrise und predigen dem gewöhnlichen Volk Konsumverzicht... Die Ansprüche sollen offenbar heruntergefahren werden. Die oberen Zehntausend dürfen weiterhin in Saus und Braus leben, während das Volk sich in vorauseilendem Gerhorsam in neuer Bescheidenheit üben soll. Nicht nur aus volkswirtschaftlicher Sicht völliger Nonsens. Antworten
Herr Bosshart repliziert gekonnt die These des berühmten Zukunftsforschers Matthias Horx, ohne ihn hierbei zu erwähnen. Horx hat bereits vor mehr als einem Jahr das Buch "Anleitung zum Zukunfts-Optimismus" vorgelegt, das die Menschen dazu anruft, etwas rosiger in die Zukunft zu blicken. Bisher vergebens, auch dank den Managern, welche die Finanzindustrie an die Wand gefahren haben. Antworten
Ideen für einen Weg in die Zukunft hätte ich genügend. Allerdings bezweifle ich, dass die jemand hören will. Ich glaube nicht, dass komplexe Systeme der Vernunft folgen, sie wursteln eher bis zum geht-nicht-mehr. Bleibt also nur der Zwang. Wie schon so oft in der in der Geschichte. Antworten



Andreas Moser
Die Eliten sind am meisten Obrigkeitsgläubig und wollen den Status quo mit neuen Krediten erhalten. Eigenverantwortung ist gefragt! Der "Sklavenaufstand im Weltreich der Papiergeldkönige" kommt von unten. Der Crash kommt, dann werden Regionalwährungen (freies Geld) den Leistungsaustausch erleichtern. Menschen werden Maschinen ersetzen: Hin zur Scholle und Nachbarhilfe! Antworten