«Heute können Sie Ihren Hausarzt vergessen»

Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 01.04.2009 12 Kommentare
Daniel Foppa.

Daniel Foppa.

Letzte Woche schickten Luzerner Ärzte ihre Patienten zur öffentlichen Blutentnahme in ein Zelt. Sie wollten zeigen, was bei einer Schliessung der Praxislabors blüht. 250 Menschen machten mit und drückten ihre Solidarität mit den Ärzten aus.

Es droht eine Versorgungslücke

Man mag für solch plakative Aktionen wenig übrig haben – zumal in der Wirtschaftskrise alle den Gürtel enger schnallen müssen. Das zugrunde liegende Problem ist jedoch akut: Der Schweiz gehen die Hausärzte aus. Das Durchschnittsalter der Allgemeinpraktiker beträgt 55 Jahre, der Nachwuchs fehlt. Das Gesundheitsobservatorium Obsan warnt vor einer «erheblichen Versorgungslücke» bis 2030. Weniger Hausärzte heisst zudem weniger Gatekeeper, die als «Pförtner» Patienten von unnötigen Besuchen bei Spezialisten oder in Spitalambulatorien abhalten. In diesem Bereich steigen die Kosten jährlich um knapp 10 Prozent. Das ist der Fall, weil immer mehr Patienten direkt die Notfallstation eines Spitals aufsuchen, wo oft unerfahrene Ärzte zu unnötigen und teuren Untersuchungen tendieren.

Was aber ist zu tun, um die Attraktivität des Hausarztberufs zu steigern? Auf der Einkommensseite ist der Handlungsspielraum begrenzt. 2007 verschlang das Schweizer Gesundheitswesen 55,3 Milliarden Franken oder 10,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Dieser Anteil ist nur in den USA und Frankreich höher. Noch mehr Geld in das System zu pumpen, um die Ärzteeinkommen zu erhöhen, liegt nicht drin. Vielmehr müssen die Mittel anders verteilt werden.

Zu begrüssen ist deshalb die von Gesundheitsminister Pascal Couchepin angedachte und nun auch von Gesundheitsdirektoren geforderte Neugestaltung der Arzttarife: Spezialisten sollen weniger, Hausärzte mehr verdienen. Die Ärztevereinigung FMH wehrt sich dagegen mit dem Vorwand, es gebe zu wenig Spezialisten, als dass man zu deren Lasten die Hausärzte substanziell besserstellen könnte. Tatsächlich machen die Allgemeinmediziner jedoch bloss 40 Prozent aller Ärzte aus. Der Rest sind Spezialisten, die auf Durchschnittseinkommen von bis zu 300'000 Franken und mehr kommen. Bei den Hausärzten verdient hingegen ein Viertel unter 107'000 Franken. Die FMH scheut schlicht die Auseinandersetzung mit ihren Spitzenverdienern.

Neue Arbeitsmodelle tun Not

Allerdings betonen die Hausärzte selbst, die Einkommensfrage stehe nicht im Zentrum. Bei einer Befragung von 450 Medizinstudenten in Basel nannten nur 9 Prozent eine höhere Entlöhnung als vordringlich, um den Hausarztberuf zu fördern. 19 Prozent waren hingegen der Ansicht, neue Arbeitsmodelle würden den Beruf attraktiver machen. Dies zeigt den Wandel der Ärzteschaft: Über 60 Prozent der Medizinstudenten sind heute Frauen. Besonders für sie ist es wichtig, Teilzeit arbeiten zu können. Und genau das ist nicht der Fall, wenn ein Arzt weiterhin als Einzelkämpfer seine Praxis führt und fast rund um die Uhr verfügbar ist. Die Zukunft gehört deshalb Ärztenetzwerken und Gruppenpraxen. Infrastruktur- und Personalkosten können gesenkt, Labors gemeinsam betrieben, Notfalldienste besser verteilt und neue Arbeitsmodelle etabliert werden.

Weiter muss die Hausarztmedizin eine grössere Rolle während des Medizinstudiums spielen. Es ist erfreulich, dass nach Zürich, Basel und Lausanne seit heute auch die Uni Bern über ein Institut für Hausarztmedizin verfügt. Mit diesen Professuren und der Förderung von Praxisassistenz-Stellen kann den Studenten die Option Hausarzt besser vermittelt werden. Ausgebaut werden müssen zudem Anreizsysteme, damit Patienten zuallererst einen Hausarzt aufsuchen. Dazu braucht es eine stärkere Förderung des Hausarzt-Modells sowie die Entrichtung einer Grundpauschale, wenn jemand ohne Dringlichkeit die Notfallstation eines Spitals aufsucht.

Von den nationalen Gesundheitspolitikern, die derzeit so gut wie gar nichts auf die Reihe bekommen, darf immerhin erwartet werden, dass sie sich zur Aufhebung des Zulassungsstopps für Grundversorger durchringen. Schaffen sie auch das nicht, werden es die Kantone tun – so wie das Zürich bereits angekündigt hat. Sobald aber Medizinstudenten wissen, dass sie sich als Hausärzte wieder überall niederlassen können und auch von Patienten mit komplexen Krankheitsbildern aufgesucht werden, steigt die Attraktivität des Berufs.

Es ist das gute Recht der Hausärzte, heute auf die Strasse zu gehen. Wenn sie sich jedoch darauf beschränken, Couchepins in der Tat unnötige Nonchalance anzuprangern, ist der Aktionstag eine verpasste Chance. Denn die Ärzte haben es mit den Tarifverhandlungen und der Neuorganisation der Praxislandschaft zu einem guten Teil selbst in der Hand, ihre Lage zu verbessern. Es ist an ihnen, mit der Therapie zu beginnen.

Die Hausärzte haben es selbst in der Hand, ihre Lage zu verbessern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2009, 07:22 Uhr

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12 Kommentare

Franco Lomazzi

01.04.2009, 10:30 Uhr
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1. Die Hausärzte fordern keine Umverteilung. Das Praxislabor ist ihr Arbeitsinstrument. Ohne steigen die Kosten. 2. Viele Aerzte i.d. Praxis üben eine Doppelfunktion Spezialist u. HA aus. Wie will man hier getrennte Tarife anwenden? 3. Ihre "60% Spezialisten" arbeiten mehrheitlich in den Spitälern. Also stimmt es, dass bei den restlichen niedrgelassenen wenig zugunsten der HAe zu holen wäre. Antworten


Laurent Baumann

01.04.2009, 12:25 Uhr
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den Banker Bonus trotz Desaster, den Aerzten Malus trotz harter Knochenarbeit. BR Couchepin und die Kassen sollen sich mal der Pharmaindustrie und ihrer Lobby annehmen anstatt auf den Aerzten herumzuhacken. Antworten