Ist jedes Leben gleich viel wert?
Von Felix Straumann. Aktualisiert am 25.09.2010 2 Kommentare
Felix Straumann
Umfrage
Teilen Sie die Meinung des Autoren?
Ja
Nein
50 Stimmen
So brutal kann Rationierung sein: Weil den Transplantationsmedizinern zu wenig Organe zur Verfügung stehen, müssen sie jedes Mal entscheiden, welcher Patient Anspruch darauf hat. Im Extremfall bedeutet eine solche Zuteilung das Todesurteil für andere Patienten, die ebenso dringend ein Ersatzorgan benötigt hätten. Wer solche Entscheidungen mittragen muss, ist wahrlich nicht zu beneiden.
Die Frage ist, welche Kriterien bei der Zuteilung von Organen gelten sollen. Bei der heutigen Regelung gilt der Wert eines Individuums als unverrückbare Grösse. Das heisst, jeder Mensch ist gleich kostbar, egal ob alt, jung, gebrechlich oder vital. Ein Grundsatz, der unmittelbar einleuchtet. Die logische Konsequenz daraus ist, dass medizinisch dringliche Fälle zuerst berücksichtigt werden müssen – unabhängig vom Allgemeinzustand der Person und den Erfolgsaussichten der Transplantation. Allerdings führt dies in der Praxis zu falschen Anreizen und unbefriedigenden Situationen. Etwa dass Patienten, die ein Organ benötigen, zuerst schwer krank werden müssen, bevor sie berücksichtigt werden. Dies verschlechtert die Erfolgschancen einer Transplantation.
Der Vorschlag von Swisstransplant, bei der Organzuteilung den medizinischen Nutzen als Kriterium stärker zu gewichten, erscheint vor diesem Hintergrund vernünftig. Schliesslich ist es auch im Sinn der Spender, dass ihr gespendetes Organ möglichst lange seinen Dienst tut. Doch der Vorschlag rüttelt am Grundsatz, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist. Dies ist ethisch heikel. In der Praxis kann es aber tatsächlich zu sinnvolleren Entscheiden führen. Dass dies möglich ist, zeigt der Bereich der Nierentransplantationen, wo Transplantationsmediziner den Nutzen bereits heute stärker gewichten als früher.
Inwieweit der Vorschlag von Swisstransplant umgesetzt wird, ist noch offen. Wertvoll ist die Diskussion darüber aber allemal. Es zeigt, dass die Mediziner sich bemühen, die gespendeten Organe möglichst sinnvoll zu verteilen. Das stärkt das Vertrauen und dürfte die Spendebereitschaft weiter steigen lassen. Die schwierige Aufgabe, Organe zuzuteilen, ist damit noch nicht gelöst. Aber in vielen Fällen entschärft. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.09.2010, 22:11 Uhr
Kommentar schreiben
2 Kommentare
- Die beliebtesten Kommentare
- Alle Kommentare
Eine weitere Möglichkeit die Spenderbereitschaft zu steigern wäre, den Grundsatz festzulegen, dass wer nicht in einem Spenderausweis ausdrücklich vermerkt, nicht spenden zu wollen, Organspender ist. Dieses Prinzip gilt beispielsweise in Spanien und erhöht die absolute Zahl von potentiellen Spendern und somit von tatsächlich verfügbaren Organen erheblich. Antworten



