Kein weiterer Eingriff in die Privatsphäre!
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 01.09.2009
Nationalrat Ruedi Noser (FDP) in Begleitung einer Blondine – pikant! Ein pinkelnder Mann in einem Hinterhof an der Langstrasse – unverschämt! Seit Google Street View hierzulande aufgeschaltet ist, surfen wir durch die Strassen der Schweizer Städte – und dringen dabei, freiwillig oder nicht, in die Privatsphäre von Menschen ein. Viele tun dies mit einer Mischung aus Voyeurismus und Kindesfreude. Corine Mauch im Liegestuhl auf einer Dachterrasse, obschon sie im Rathaus politisieren müsste? Allein schon die Vorstellung, die Stadtpräsidentin in dieser Pose zu erspähen, wird manch einen detektivisch auf der Seite herumkurven lassen.
Doch aufgepasst, es droht vergessen zu gehen, was Street View im Kern ist: ein weiterer Schritt hin zum gläsernen Bürger. Man stelle sich den kollektiven Aufschrei vor, wenn der Staat ein solches Instrument einsetzen würde. Selbst wenn eine Kamera der öffentlichen Sicherheit dient, hagelt es regelmässig Kritik. Die Gemeinde Oetwil am See etwa musste bei einem Kindergarten jüngst zwei Überwachungskameras abmontieren; sie hätten zur Abschreckung von Vandalen gedient.
Doch Google ist nicht der böse Staat, der seine Bürger stets und überall röntgen will. Deshalb scheint ein anderer Massstab zu gelten. Schutz vor willkürlichen Eingriffen in die Privatsphäre? Das Recht am eigenen Bild? Wen interessieren diese Grundrechte: Street View ist cool.
Der eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür sieht das anders – und wird prompt als Spiesser verlacht. Dabei warnt er lediglich vor Kollateralschäden, die Street View anrichten könnte. Mit gutem Grund: Bereits finden sich unbescholtene Wirte auf den Titelseiten der Boulevardmedien wieder: als potenzielle Dealer. Und anständige junge Frauen stehen plötzlich unter Verdacht, sich im Kreis 4 Stoff zu besorgen.
Verständlich und richtig, droht Datenschützer Thür dem Konzern Google mit dem Richter, falls er Street View nicht vom Netz nimmt – oder zumindest Gesichter und Autonummern nicht besser verpixelt, als dies heute der Fall ist. Heute findet eine Unterredung zwischen Thür und einer Delegation von Google statt. Das amerikanische Unternehmen lässt sich Zeit mit den geforderten Anpassungen, wohl aus Kalkül. Schlagzeilen, auch negative, sind Gold wert. Street View wächst sich zum (medialen) Hype aus, Googles Kassen klingeln. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2009, 22:18 Uhr



