Meinung

Kommentar: Michael Jackson lebt

Er ist mehr als seine Musik und mehr als seine Karriere: Michael Jackson vereint das Grösste und das Erbärmlichste, was Amerika zu bieten hat.

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So begann der musikalische Aufstieg Jacksons: Mit der Familiencombo Jackson Five. Michael Jackson (Mitte) und seine vier Brüder Jackie, Tito, Jermaine, Marlon bildeten in den 70er-Jahren eine erfolgreiche Soul-Band. Michael war gerade fünf Jahre alt, als er ins Showbusiness einstieg.

   

Er hat fantastische Musik gespielt, und er war damit aussergewöhnlich erfolgreich. Aber Michael Jackson, der in der Nacht auf Freitag mit 50 Jahren in Los Angeles gestorben ist, ist mehr als seine Musik und mehr als seine Karriere. Indem er eines der bizarrsten Leben führte, das der Öffentlichkeit mitzuerleben je vergönnt war, weist seine Geschichte weit über die Popwelt hinaus. Jackson war – und bleibt – eine Figur, in der sich der amerikanische Traum ins Surreale überhöhte – und schliesslich in sein Gegenteil verkehrte. Der Sänger, der nicht nur in den USA vom Kind bis zur Grossmutter alle gemeint und angesprochen hatte, wurde zur Lach- und Schiessbudenfigur neuer Generationen. Ein Hardcore-Fan musste sein, wer sich in den 90er-Jahren nicht von Michael Jackson abwandte, als sich dessen Leben in einen Albtraum verwandelt hatte. Als untoter Zombie ging er darin durch einen jämmerlichen Thriller aus Gerichtsprozessen, aus künstlerischem und schliesslich auch finanziellem Bankrott.

Es sind ganz wenige Karrieren, die das Grösste und das Erbärmlichste, was Amerika und mit ihm der Westen zu bieten hat, in solcher Fallhöhe vereinen: Michael Jackson bündelte das Beste aus der schwarzen und der weissen Musik zu einem unbedingt aufregenden Hitparadensound; unter den Händen der plastischen Chirurgie aber verirrte er sich fatal in so uralten wie unerledigten Rassenfragen. In seinen Videoclips erzählte er mit hollywoodscher Durchschlagskraft vom amerikanischen Traum realer Teenager. Seine persönliche Variante aber bestand in einer absurd teuren und absurd kitschigen Ranch, die Jackson vor allem dazu diente, sich der realen Welt zu entrücken. Das «Neverland», wie er sein Traumland in Anlehnung an Peter Pan nannte, wurde bald zu seinem persönlichen Ground Zero: in dem Moment, als die Kinder und Jugendlichen, die er eingeladen hatte, ihn des sexuellen Übergriffs bezichtigten.

Seit Freitag steht «Neverland» gleichberechtigt neben einer anderen Ruine amerikanischen Massenkults: In «Graceland» in Memphis hatte Elvis Presley in ähnlich verschmocktem Pomp seine letzten Lebensjahre verlebt, bevor er am 16. August 1977 starb. Wie «Neverland» steht auch dieses Anwesen für die traurige Geschichte, wie kostbarstes Talent in einem atemraubenden Steigerungslauf von Masslosigkeit und Verblendung vernichtet wird.

Lisa-Marie Presley, die Michael Jackson 1994 geheiratet hatte, hat ihm bestimmt von der zweiten Karriere ihres Vaters Elvis Presley erzählt. Von der Karriere als Ikone, für die sich endlich wieder alle gemeinsam begeistern können und die mit dem Tag des Todes erst beginnen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2009, 07:13 Uhr

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