Lafontaine, ein tragischer Held
Von David Nauer. Aktualisiert am 25.01.2010
Oskar Lafontaine wirkte müde, als er am Wochenende in Berlin von der nationalen Politbühne abtrat. Der Chef der Linkspartei zieht sich in die saarländische Provinz zurück. Der Krebs hat ihn dazu gezwungen.
Er wird der deutschen Politik fehlen. Als brillanter Redner, als Polemiker und als einer, der immer für Überraschungen gut war. Er wird vor allem seiner Partei fehlen. Die Linke würde es ohne Oskar Lafontaine so nicht geben. Sie war eine Partei von DDR-Nostalgikern aus dem Osten. Jetzt ist sie eine gesamtdeutsche Kraft links der SPD. Bei der Bundestagswahl im Herbst erhielt sie fast zwölf Prozent der Stimmen. Das ist nicht nur, aber vor allem ein Verdienst von Oskar Lafontaine. An der Lücke, die er jetzt hinterlässt, wird Die Linke zu leiden haben.
Aber es eröffnen sich auch Chancen – für Die Linke, für die Sozialdemokraten, für die Opposition in Deutschland insgesamt. Bisher war eine rot-rote Zusammenarbeit auf Bundesebene undenkbar gewesen, vor allem wegen Lafontaine. Zu zornig war er auf seine ehemaligen Parteigenossen von der SPD, zu tief waren die Wunden bei den Sozialdemokraten. Lafontaine, einst SPD-Chef, hatte die Partei 1999 im Streit verlassen und danach alles getan, ihr zu schaden. Die Gründung der Linkspartei war auch so ein Angriff. In der SPD hat man ihm dies nie verziehen.
Jetzt ändert sich das Klima. Nur Stunden nach Lafontaines wohl letztem Auftritt als Bundespolitiker wurden in der SPD versöhnliche Stimmen laut. Die Linke gilt den Sozialdemokraten plötzlich wieder als «verlässlicher Partner in den Ländern», als «wichtiger Ansprechpartner im Bund». Junge Parlamentarier aus SPD, Grünen und der Linken gehen noch weiter. Sie forderten am Sonntag, jetzt müsse über eine rot-rot-grüne Allianz nachgedacht werden. Der Aufruf zeigt: Die Opposition in Deutschland wittert Morgenluft.
Lafontaine ist dabei der tragische Held. Er hat davon geträumt, die SPD von links aufzurollen. Eine neue, vereinigte Linke zu schaffen, die dereinst die bürgerliche Regierung in Berlin ablöst. Jetzt ist es sein Abgang, der vielleicht mithilft, den Traum zu verwirklichen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.01.2010, 08:54 Uhr



