Lasst Calatrava an seinem Platz!

Von Antonio Cortesi, St. Gallen. Aktualisiert am 02.02.2009 9 Kommentare
Antonio Cortesi.

Antonio Cortesi.

Sankt Gallen ist eine beschauliche Provinzstadt. Es gibt zwar ein berühmtes Kloster, eine renommierte Universität, die beste Bratwurst der Welt und einen Fussballklub, der schon Schweizer Meister war. Doch meistens geht alles seinen gemächlichen Gang.

Jetzt hat St. Gallen aber einen veritablen Architekturstreit, der weit über die Stadtgrenzen hinaus die Gemüter erregt. Zankapfel ist eine Wartehalle an einer Bushaltestelle. Entworfen hat sie kein Geringerer als der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava. Der elegant geschwungene Bau steht auf dem Bohl, der mit dem Marktplatz verbunden ist, und er muss weg.

Dies zumindest, wenn es nach dem Willen der Stadtoberen geht. Denn sie planen etwas Neues, aus ihrer Sicht ebenso Grossartiges: Die heute von parkierten Autos und Marktständen verstellte «Trilogie» von Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt soll entrümpelt und zu einem einzigen weiten Raum für Fussgänger verschmelzen. Die Autos würden in einen unterirdischen Parksilo verbannt und das Markttreiben in einer neuen Halle am Rande der Komposition gebündelt. Und eben: Die Calatrava-Halle müsste verschwinden. So sieht es das Projekt vor, mit dem drei einheimische Architekten den Gestaltungswettbewerb gewannen.

Bau war 1996 umstritten

Nun ist in der Gallusstadt der Teufel los. Architekturexperten und Kunstsachverständige streiten sich heftig, Politiker legen Bekenntnisse ab, in den Gassen werden «I love Calatrava»- Buttons verteilt, und neuerdings haben zwei Facebook-Gruppen im Internet eine digitale Petition gegen den Abriss der Halle gestartet. Pikant: Deren Bau war 1996 genauso umstritten. Das Argument der Gegner damals: Das futuristische Konstrukt sei in der Harmonie der historischen Altstadt ein Fremdkörper.

Bloss: Die Bevölkerung hat Calatrava längst ins Herz geschlossen, ist inzwischen stolz darauf, dass das kühne Werk dem biederen Image der Stadt einen Hauch von Weltläufigkeit gibt. Und zu Recht argwöhnen die Calatrava-Fans, dass bei der gewiss mutigen Absicht, dem Platz die ihm gebührende Grandezza zu verleihen, am Ende der Kleingeist obsiegen wird. Weil die Bushaltestelle nicht aufgehoben werden kann, soll die Halle nämlich nicht einfach entfernt, sondern durch «etwas Schlichteres» ersetzt werden. O heilige Einfalt! Wenn der Platz doch wieder verstellt wird, dann bitte nicht mit etwas Spiessigem. Liebe St. Gallerinnen und St. Galler, lasst doch den Calatrava einfach stehen! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2009, 08:29 Uhr

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9 Kommentare

Heinz Ungerer

02.02.2009, 11:42 Uhr
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Vielen Dank nach Zürich für den fruchtigen Tipp. Ich bin froh, gibt es Sie, Herr Cortesi. Ihrem Kommentar verdanken die St. Galler vieles. Er gibt einem Mut und Hoffnung im Kampf nach dem Streben um Anerkennung, die wir aus der Sicht der Zürcher offenbar so dringend nötig haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass wegen der Calatrava-Halle in der Gallusstadt der Teufel los ist? Antworten


Alexander Kühne

02.02.2009, 13:43 Uhr
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Es gibt spannendere Gebäude in St.Gallen wie z.B. der alte Teil der HSG oder das Versicherungsgebäude von Herzog & DeMeuron. Der Marktplatz ist schlecht konzipiert, ein völliger Stilmix, die Bushaltestelle überdimensioniert.St.Gallen fehlt eine Piazza. Ein gutes Gesamtkonzept würde die Stadt ernorm aufwerten. Antworten