Lasst die Georgier nicht alleine!

Von David Nauer, Moskau. Aktualisiert am 06.08.2009

David Nauer

David Nauer

Ein Land von Kriegstreibern, autoritär regiert und schwer korrupt. Würden Sie ein solches Land Ihren Verbündeten nennen? Würden Sie ein solches Land wirtschaftlich und politisch unterstützen?

Die Rede ist nicht von Russland, dem grossen Imperium mit dem grimmigen Wladimir Putin an der Spitze. Die Rede ist von des Westens Liebling im Kaukasus, von Georgien. Ein Jahr ist es her, seit Tiflis und Moskau einen Krieg um Südossetien führten.

In den hitzigen Tagen im August 2008 wurde viel durcheinandergebracht. Georgien porträtierte sich als unschuldiges Opfer einer russischen Aggression. Der Kreml gab sich als selbstloser Freund des kleinen ossetischen Volkes. Eine typische Propagandaschlacht.

Inzwischen steht fest: Den Krieg losgetreten haben die Georgier. In der Hoffnung auf einen schnellen Sieg schickten sie Panzer gegen Zchinwali, feuerten ganze Raketenschwärme auf Wohnhäuser. Die Russen, auch nicht zimperlich, hatten auf eine solche Dummheit der Georgier nur gewartet und schlugen brutal zurück.

Bei allen hinterlistigen Absichten des Kremls: Die Verantwortung für diesen Krieg trägt Georgiens Präsident Michail Saakaschwili. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Kriegstreiber verkommen. Er hatte sein ganzes Renommee an die «Heimholung» der abtrünnigen Gebiete geknüpft und war am Schluss bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Selbst im Innern bleibt Saakaschwilis Leistungsausweis deprimierend. Die Korruption wuchert weiter – gerade in höheren Chargen. Wahlen werden gezinkt, das nationale Fernsehen ist gleichgeschaltet. Wer zu aktiv für die Opposition wirbt, muss um seine Freiheit fürchten. Da tönt es wie blanker Hohn, was der ehemalige US-Präsident George W. Bush einst sagte: Georgien sei ein «Leuchtturm der Freiheit».

Taxifahrer mit Bürgersinn

Dennoch darf der Westen Georgien jetzt nicht allein lassen. Denn trotz allen Enttäuschungen, trotz allen Niederlagen und Fehlern haben die Menschen in diesem Land etwas bewiesen, was in ihrem Erdteil selten ist: Bürgersinn.

Wer in diesen Tagen durch Tiflis geht, der vernimmt es laut und deutlich: Es wird gestritten und diskutiert – auf Plätzen, in Cafés und öffentlichen Verkehrsmitteln. Man beklagt die eigenen Fehler; man beklagt Russlands Übermacht. Die einen unterstützen Saakaschwili, die anderen wünschen ihn zum Teufel.

Das Interesse an Politik geht dabei durch alle Schichten: Bauern, Taxifahrer, Intellektuelle – viele Georgier sind überzeugt, dass sie ein kleines Stück Verantwortung tragen für ihr Land. Und dass sie diese Verantwortung wahrnehmen müssen. Entsprechend fleissig werden Oppositionsparteien gegründet, wird demonstriert und agitiert. Mit anderen Worten: Georgien ist zwar politisch unstabil, aber es ist lebendig.

Was für ein Unterschied zu Russland! Dort herrscht politische Totenstarre. Die Parteien sind handzahm, Demonstrationen verboten – und niemanden stört sich daran. Iwan Normalverbraucher schaut lieber fern. Das grossherzige Russland, hört er dort, habe einen «Genozid» an den ossetischen Brüdern gestoppt. Aus rein humanitären Gründen, versteht sich. Mit Imperialismus habe das nichts zu tun. Wers glaubt, wird selig. Und viele glauben es.

Die Menschen in Georgien dagegen sind viel näher am Westen. Europa und die USA brauchen keine Ideen in diese kleine Kaukasus-Republik zu exportieren. Der Traum von Demokratie und Rechtsstaat, der Wunsch nach freien Medien ist schon da. Es geht einzig darum, einen Staat zu bauen, der diese Werte auch achtet. Dabei sollten wir den Georgiern helfen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2009, 23:16 Uhr

KOMMENTAR SCHREIBEN







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.





© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten