Materialien für mündige Bürger
Von Liliane Minor. Aktualisiert am 18.05.2010 2 Kommentare
Liliane Minor.
Keinen Tag alt ist die Kampagne, die Ausländern dabei behilflich sein will, sich hierzulande zu integrieren. Und schon erklingt das Protestgeheul der Politiker: Der Staat solle für nutzlose Präventionsplakate kein Geld ausgeben. Der Bürger sei selbst für sich verantwortlich.
Die Kritik ist nicht unberechtigt. Es gibt Momente, da fühlt man sich von der Regierung behandelt wie seinerzeit von Mami: Sie haut uns laufend Ratschläge um die Ohren, von denen wir genau wissen, dass sie eigentlich berechtigt sind – was sie nur noch schlimmer macht. Es stellt sich das ungute Gefühl ein, dass der Staat seinen Einwohnern das Denken abnehmen will, schlimmer noch, dass er ihnen nicht über den Weg traut. Trotzdem sind Plakat-Aktionen nicht per se schlecht, und wer daran Kritik übt, muss auch die Gegenfrage stellen: Was ist die Alternative? Soll der Staat einfach darauf bauen, dass sich der mündige Bürger schon vernünftig verhält?
Die Kritiker übersehen, dass nur derjenige mündig entscheiden kann, der auch über das notwendige Wissen verfügt. Kampagnen sind ein Weg für den Staat, den Einwohnern diese Fakten auf einfache Weise zu vermitteln. Bestes Beispiel dafür sind die Stop-Aids-Plakate.
Auch geht gern vergessen, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn für alle wenigstens halbwegs die gleichen Werte gelten. Der Staat hat nicht viele Mittel, darauf Einfluss zu nehmen. Das eine sind Gesetze und Verbote. Das andere sind Kampagnen.
Allerdings besteht immer ein Risiko, wenn der Staat aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufgreift. Wenn er die Leute auffordert, sich mehr zu bewegen, weniger zu trinken oder sich zu integrieren, dann klingen die Botschaften rasch besserwisserisch. Die Leute regen sich darüber auf, statt über ihr Verhalten nachzudenken.
Manchmal aber braucht es genau das: eine Botschaft, die erst einmal nervt. Und die sich wie ein Stachel im Fleisch festsetzt. Der immer wieder pikst und daran erinnert: Da war doch was. Dann hat die Kampagne ihr Ziel erreicht: Der Mensch ist sich eines Problems bewusst. Jetzt kann er sich mündig verhalten. Und entscheiden, ob er den Rat befolgen will. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.05.2010, 23:21 Uhr
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"Soll der Staat einfach darauf bauen, dass sich der mündige Bürger schon vernünftig verhält?" Gegenfrage: Soll der Staat einfach darauf bauen, das Journalisten keinen Unsinn schreiben? Sollte er sie nicht besser kontrollieren? Woher nimmt Frau Minor die Gewissheit, dass sie oder der Staat klüger sind als die mündigen Bürger - die diesen Staat ausmachen? Antworten



