Meinung

Medien haben ihre Pflicht erfüllt

Von Res Strehle. Aktualisiert am 04.09.2010 6 Kommentare

Res Strehle

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Es gibt für einen stark beschäftigten Berufsmann mehrere Wege, um sich den Eintritt ins Rentenalter erträglich zu gestalten: einen Schrebergarten mieten, töpfern, eine Start-up-Firma gründen. Oder ein Buch schreiben.

Der Ökonom Thilo Sarrazin, einst Berliner Finanzsenator, derzeit (noch) Vorstandsmitglied der Bundesbank, hat sich für Letzteres entschieden. In seinem Werk «Deutschland schafft sich ab» brilliert er in einem Metier, das uns Medienleuten gefallen muss: Er spitzt hemmungslos zu, bringt dabei manches auf den Punkt und überhöht anderes karikierend. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, eröffnen sich in seinen Formulierungen auch Abgründe: Urängste vor der Barbarisierung Europas und Reste einer längst überholt geglaubten Rassenbiologie.

Sarrazin hätte besser getöpfert. Der Mann wird nun seinen Posten bei der Bundesbank verlieren, er wird vermutlich aus seiner Partei, der SPD, ausgeschlossen und muss mit Ressentiments fertigwerden. Gleichzeitig fühlt er sich bestärkt durch eine Flut zustimmender Reaktionen von Leuten mit offenbar ähnlichen Ängsten.

Die Medien dienten Sarrazin als willige Multiplikatoren. «Spiegel» und «Bild» veröffentlichten Vorabdrucke, auch der «Tages-Anzeiger» hat sich ausführlich mit Inhalt und Autor beschäftigt. War das ein Fehler? Haben sich die Medien einspannen lassen und damit das Kalkül des Provokateurs erst aufgehen lassen?

Offen für die Debatte

Wir glauben: nein. Im Fall Sarrazin haben die Medien aus drei Gründen ihre Pflicht erfüllt:

Erstens haben sie Experten mit Sarrazins Thesen konfrontiert und damit Klarheit geschaffen, wo die Wissenschaftlichkeit endet und die Irrationalität beginnt – etwa beim «Juden-Gen». Wenn Medien dazu beitragen, Vorurteile und irrationale Ängste mit Fakten abzubauen, dann machen sie genau das nicht, was ihnen oft vorgeworfen wird: die Empörung bewirtschaften.

Zweitens: Dort, wo Sarrazin den Finger auf echte Wunden legt, haben die Medien den Ball aufgenommen und sich für die Debatte geöffnet. Welches Mass an Integration und Produktivität soll von Einwanderern verlangt werden dürfen? Banal gefragt: Wie deutsch muss ein deutscher Muslim sein? Aus beschaulicher Schweizer Warte und ohne Problemquartiere wie Neukölln liesse sich sagen: Der Zauberweg heisst Integration ohne Preisgabe der eigenen kulturellen Identität – obligatorisch sind Sprachkompetenz in der Landessprache und gemeinsame Grundwerte; der Rest ist fakultativ. Im Übrigen soll die eigene Kultur bewahrt werden – so, wie es die jüdische Diaspora in Europa seit Jahrhunderten vorlebt: Sie hat sich integriert, ohne sich zu assimilieren.

Drittens haben die Medien im Fall Sarrazin Druck aufgebaut. Ihre Botschaft heisst: Ein Autor mit diesem Menschen- und Gesellschaftsbild ist untragbar in einem wichtigen öffentlichen Amt und in einer Partei, die sich sozialdemokratisch nennt. Das hat nichts mit Hetzjagd zu tun, sondern mit den Werten, die diese Institutionen verkörpern: Die Bundesbank beansprucht politische Neutralität. Die SPD mag in ihrer Geschichte diverse Kurven genommen haben, sie steht aber nach wie vor hinter der Forderung nach Chancengleichheit, ungeachtet der Herkunft.

Ohne mediales Echo wäre die Diskussion um Sarrazins Thesen irrationaler verlaufen, manches wäre tabuisiert geblieben und niemand hätte gefragt, ob sich jedermann, ohne Rücksicht auf sein Amt, Ungeheuerlichkeiten leisten darf. Immerhin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2010, 21:55 Uhr

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6 Kommentare

Martin Holzherr

04.09.2010, 09:18 Uhr
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Die Diskussion über Sarrazin's Thesen wurde in den deutschen Medien doch auf sehr deutsche Art geführt - und wie das getan wurde offenbart für mich ein Demokratiedefizit. Jeder der Rang und Namen hatte - inklusive der Bundeskanzlein - meldete sich zu Wort und "markierte" das Thema mit seinen Aussscheidungen (Reviermarkierung). Es lief auf eine Volksbelehrung heraus,nicht auf Auseinandersetzung Antworten


Lukas O. Bendel

06.09.2010, 14:12 Uhr
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85% der abstimm. Leser/innen teilen (wie ich) die Meinung dieses Autors NICHT - hier meine Begründung: 1. TS bezeichnete mit "Juden-Gen" sein zweites Beispiel(!) sozio-kultureller (nicht biologischer!) Identitäten. 2. Der "Skandal" erhält mehr mediale Aufmerksamkeit als die Nicht-Integration. 3. Diese political-correctness-Hetzjagd behindert weitere berechtigte Kritik. Schlechte Medienarbeit! Antworten