Mehr Lohn statt Brosamen
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 27.04.2009 1 Kommentar
Bruno Schletti
Von der Verkäuferin bis zum Konzernchef, vom Maurer bis zum Bauunternehmer – ihnen allen kommt zugute, dass die Volkswirtschaft nicht durch Arbeitskämpfe Schaden erleidet.
Miteinander reden statt sich bekämpfen macht den Reichtum dieses Landes aus. Schön formuliert, nicht wahr? Leider erfahren wir nun, was wir schon immer geahnt haben: Vom friedlichen Miteinander profitieren die einen etwas mehr als die anderen. Den Nutzen haben vor allem die Patrons. Den Arbeitnehmenden bleibt über die letzten fünf Jahre im Durchschnitt eine reale Lohnerhöhung von 0,1 Prozent – also praktisch nichts. Das wird gewissermassen amtlich beglaubigt. Die Zahl stammt vom Bundesamt für Statistik.
Diese Statistik hat einen Haken: Boni, Einmalzahlungen, Gewinnbeteiligungen sind nicht erfasst. Manch ein Arbeitgeber (nicht nur in der Finanzbranche) hat sich von der spendablen Seite gezeigt, als das Geschäft in den vergangenen Jahren gut lief. Gerade diese netten Gesten sind aber nicht nachhaltig. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass sie vom Bundesamt nicht erfasst werden.
Und so bleibt unter dem Strich die eine nackte Zahl: Reallohnzuwachs von 0,1 Prozent über fünf Jahre – Jahre des Aufschwungs notabene. Jahre, in denen die Managerlöhne (nicht nur in der Finanzbranche) explodierten. Jahre auch, in denen von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in allen Branchen kontinuierlich mehr an Leistung verlangt worden ist. Jetzt, mitten in der Krise, müssen die Arbeitgeber eine Frage beantworten: Wann, wenn nicht in Zeiten des Aufschwungs, sollen die Reallöhne steigen?
Die Statistik entblösst noch etwas Irritierendes: In Jahren, in denen die Reallöhne überdurchschnittlich zulegten (etwa 2007), stiegen die Männerlöhne stärker als jene der Frauen. In Jahren, in denen ein Reallohnverlust zu beklagen war (etwa 2008), sanken die Frauenlöhne mehr als jene der Männer. Allen Sonntagspredigten zum Trotz: Die Arbeitgeber haben in ihrer Mehrheit für Frauen vor allem eines übrig: schöne Worte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.04.2009, 23:15 Uhr



Marcel Zufferey
Solange sich die Wirtschaft selbst mit ganz speziell kreativ gerechneten Statistiken zum Thema Reallohnerhöhungen schmückt (Avenir Suisse ist da z. B. Weltmeister), wird sich auf beiden Seiten der Demarkationslinie (und die wird immer schärfer gezogen) erst mal gar nichts verändern. Zwischen den Zahlen von Avenir Suisse und jenen des Bundes klafft diesbezügl. eine Lücke von mindestens 150 Prozent! Antworten