Meinung

Oft wurde er gescholten, stets bleibt er gelassen

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 03.08.2010 4 Kommentare

Jean-Martin Büttner.

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Er lacht. Er habe die Reaktionen mit Interesse zur Kenntnis genommen, sagt er und klingt dabei ebenso höflich wie ironisch. François van der Linde meint die Reaktionen auf den erneuten Vorschlag der drei Bundeskommissionen im Suchtbereich, den Konsum aller Drogen zu entkriminalisieren. Die politischen Kommentare von rechts bis weit rechts folgten wie der Kater auf den Rausch. Empörung bestimmte den Ton, Verantwortungs­losigkeit lautete der Vorwurf. «Wer am lautesten lärmt», sagt der Kritisierte, «wird am besten gehört.» Was er bedauert: dass die Reaktionen sich auf die Frage der Entkriminalisierung beschränken.

Dennoch reagiert der 69-Jährige gelassen auf die Kritik; überrascht ist er nicht. Das hat damit zu tun, dass der Präventionsmediziner seit 28 Jahren den Bundesrat aus der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen heraus berät, auch wenn sie früher anders hiess. Dabei hat er in dieser langen Zeit seine Haltung nicht geändert, unabhängig davon, wie populär sie gerade war. «Politisch ist unsere Forderung derzeit nicht opportun», räumt er ein. Das Parlament verweigerte schon dem Cannabis die Entkriminalisierung, und das Stimmvolk zog nach. Daran werde sich vorerst nichts ändern, glaubt er, auch nicht durch den neuen Bericht.

Van der Linde sieht trotzdem keinen Anlass, seine Meinung zu revidieren; dazu müssten erst neue Fakten her. Als Präventivmediziner habe er gelernt, Suchtmittel nach ihrer Gefährlichkeit einzuteilen und nicht nach ihrer Legalität. Drogensucht habe nichts mit Moral oder Strafrecht zu tun, sie müsse medizinisch und psychologisch angegangen werden. «Es geht nicht um Werturteile, sondern um das Risikopotenzial.» So betrachtet sei Alkohol gefährlicher als Cannabis, und es seien auch sehr viel mehr Menschen abhängig vom Tabak als vom Heroin.

Klar ist für den Arzt aber auch: «Je grösser das Suchtrisiko einer Substanz, desto stärker muss ihr Zugang reguliert werden.» Regulierung etwa über den Preis, die zulässige Menge, die Abgabezeiten und eine Ausweispflicht. Dass er den Konsum entkriminalisieren möchte, hat für ihn einen entscheidenden Grund: Nur so lasse sich wirksam Prävention betreiben. Das beste Beispiel bleibt für ihn die kontrollierte Heroinabgabe, die den Kontakt zu Schwerstsüchtigen stark erleichtert habe. Dass diese möglich wurde, führt er auf die unerträgliche Situation der offenen Drogenszenen zurück, allen voran im Zürcher Platzspitz und beim Letten.

Die Prävention geht für den Arzt weit über Aufklärung und Jugendschutz hinaus. Sie lasse sich nur dann mit Autorität vertreten, wenn auch die Gesellschaft glaubwürdig auf ihre eigenen Suchtprobleme reagiere. Das sei aber nicht der Fall, solange die einen Drogen verboten und die anderen beworben würden – unabhängig davon, welche grösseren Schaden anrichteten.

Selbstverständlich müsse sich die Gesellschaft vor Gefahren schützen. Der Schutz müsse aber der Gefahr entsprechen. Mit Drogen will der Drogenexperte selber nichts zu tun haben. Weiss er überhaupt, wie sich eine Sucht anfühlt? Er sei früher ein massiver Raucher gewesen, bekennt er, und er kenne das drängende Gefühl der Abhängigkeit ganz genau. Und wie ist er davon losgekommen? «Indem ich als Präventivmediziner angefangen habe.» Das eine habe einfach nicht zum anderen ge- passt. Er lacht wieder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2010, 23:37 Uhr

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4 Kommentare

Martin Holzherr

03.08.2010, 16:27 Uhr
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@Edwin Hitz Sogar viele Hasch-Befürworter geben zu, dass ein Überkonsum zur Abbruch der Lehre oder des Studiums führen kann. Bekannt ist auch die Zunahme von Schizophrenie im Jugendalter durch Haschkonsum. Etwa 10% der Hash-Konsumenten haben Flashbacks, werden also von unangenehmen Nacherlebnisen heimgesucht. Jedes Medikament mit solchen Wirkungen würde sofort vom Markt genommen. Antworten


Edwin Hitz

03.08.2010, 15:08 Uhr
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@Martin Holzherr Wenn unter Jungen Drogen konsumiert werden, dann doch besser das ungefährlichere Hasch als dieses Zellgift Alkohol. An einer Überdosierung von Hasch ist nämlich noch Niemand gestorben. Antworten


Nadine Binsberger

03.08.2010, 14:39 Uhr
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Mit aufgeklärtem, scharfsinnigem Problembewusstsein und aufrichtigen Lösungsansätzen lässt sich kein emotionsgeladener Wahlkampf betreiben. Deshalb werden die Erkenntnisse dieses höchst seriösen Wissenschaftlers sich kaum in irgendwelchen Parteipapieren niederschlagen. Genauso wie bei allen anderen echten Lösungen. Denn mit wirklich gelösten Problemen gewinnt man keine Wahlen. Antworten


Martin Holzherr

03.08.2010, 13:44 Uhr
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Was passiert, wenn Drogen legalisiert werden? Ich denke nicht, dass dem Alkohol zugetane auf Haschisch umsteigen. Sie konsumieren neu einfach beides. Alle Genussmittel, die offen - an Parties, sozialen Ereignissen - konsumiert werden sind potentiell gefährlich. In Russland ist das der Wodka, hier Wein und Bier, Kokain in gewissen Kreisen. Bei Legalisiserung wäre Hasch unter Jungen Pflicht. Antworten



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