Poker ist eine Kunst, kein Glück
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 03.06.2010 43 Kommentare
Constantin Seibt.
Poker ist ein komplexes Spiel. «Es braucht einen Abend, um die Regeln zu lernen, aber ein Leben, um es richtig zu spielen», heisst es. Man kann als Pokerspieler viele Fehler machen. Aber es gibt einen schrecklichen Fehler, der garantiert zum Ruin führt: zu glauben, dass dieses Spiel vor allem mit Glück zu tun hat.
Genau diesen Fehler macht nun das Bundesgericht. Es taxierte Texas Hold–em, die populärste und komplexeste Pokervariante, als Glücksspiel statt als Geschicklichkeitsspiel – und verbot öffentliche Turniere. Damit widerspricht das Bundesgericht nicht nur den Experten der Spielbankenkommission und der Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts, sondern beendet auch den Schweizer Pokerboom. Weit über 100 Kleinunternehmen hatten in letzter Zeit Zehntausende Franken in Pokerlokale, Websites und Turnierorganisationen investiert.
Für die Entscheidung des Bundesgerichts fehlen triftige Gründe. Hauptargument ist, dass eine Pokerpartie durch Karten entschieden wird, also Glück. Tatsächlich stimmt, dass an einem Abend der letzte Anfänger den Pokerweltmeister schlagen kann. Einfach durch Wahnsinnskarten.
Aber nicht an zehn und schon gar nicht an hundert Abenden. Denn auf lange Sicht bekommen alle die gleichen Karten. Glück und Pech heben sich auf. Bleibt: das Können. Und Poker bei Texas-Hold–em-Poker braucht eine Menge Können: die Einschätzung von Gegnern, Nerven, Geduld, Disziplin und eine Menge Studium – vor allem der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Es gibt Tausende von Pokerbüchern – von den Faustregeln für Anfänger bis zum hochmathematischen für Berufsspieler. Mark Twain log kaum, als er schrieb: «Zu lernen, wie man mit zwei Paaren spielt, ist so viel wert wie eine Hochschulbildung und auch ungefähr so teuer.»
Profi-Poker etwa ist ein Hochleistungssport. Aktuelle Fachlektüre gehört ebenso dazu wie Fitnesstraining und das tägliche, mehrstündige Analysieren des Spiels vom Vortag, um die eigenen Fehler zu finden. Hätte das Bundesgericht mit seiner Analyse – Poker ist Glück – recht, wären diese Exerzitien sinnlos. Nur: Wie erklärt sich das Gericht dann, dass über Jahre dieselben Spieler gewinnen, zwar nicht jeden Abend, aber meistens? Schlicht Glück? Ein Teufelspakt?
Auch unter Normalspielern, so haben Studien ergeben, gewinnen jene, die zuvor ein paar Lektionen genommen haben. Und eine Untersuchung von 103 Millionen Online-Pokerpartien ergab, dass nur in 15 Prozent der Fälle die Spieler mit dem besten Startblatt siegten – der Rest wurde von geschickteren Spielern hinausgeblufft.
Das Bundesgericht sprach ebenfalls von möglicher Kriminalität: Manipulation und Geldwäscherei. Das ist lächerlich. Bisher erlaubt waren nur Turniere mit Einsätzen von 10 bis 500 Franken. Das kleinste Turnier – mit 6 Spielern – dauert meist über eine Stunde. Ein mittelgrosses Turnier mit 77 Teilnehmern gern eine halbe Nacht. Hier zu tricksen oder Geld zu waschen, wäre zu aufwendig und unpraktisch.
Dann erwähnte das Gericht die Gefahr von Ruin durch Spielsucht. Dabei ist bei Pokerturnieren das Verlustrisiko begrenzt: auf die Teilnahmegebühr. Wer ausscheidet, muss auf das nächste Turnier warten. Was oft dauert. Überhaupt ist Poker nicht das Spiel der Süchtigen. Sie bevorzugen schnelle, mechanische Glücksspiele: Würfel, Wetten, Automaten, Roulette.
Und selbst wenn es so wäre – Poker mit körperlich anwesenden Menschen trägt nur einen verschwindend kleinen Teil an den Umsätzen bei: Mit keinem Wort erwähnt das Bundesgericht den Online-Poker, wo um das wirkliche Geld gespielt wird. Das ist eine Milliardenindustrie, verglichen damit ist das verbotene Turnierpoker Kleingewerbe.
Wer profitiert von dem Urteil? Die Schweizer Casinos, die gegen die Freigabe von Poker klagten. Turniere dürfen nun nur noch von ihnen durchgeführt werden. Der Witz dabei: Für die Casinos ist Poker selbst kein Geschäft. Der Personalaufwand ist gross, die Margen sind minimal. Das Business besteht darin, die Pokerspieler zu den echten Glücksspielen zu locken: zu Würfeln, Blackjack, Roulette und den hirntötenden Automaten.
Kurz: Das Bundesgericht hat nicht nur ein gerade entstandenes Kleingewerbe zerstört und vielen Leuten ein Vergnügen genommen. Sondern auch das Glücksspiel gestärkt. Und das aus purer Inkompetenz.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.06.2010, 23:07 Uhr
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43 Kommentare
Super Artikel! Facts Facts Facts .... Ich selber spiele ausschliesslich 2er-Turniere HU SNGs. Ich denke diese sind nicht weit weg vom Schach .Wer würde wohl beim Schach von Glück reden? und zwischen den Zeilen bzw. zwischen meine Hirnwindungen: Unvernünftiger, ungerechter kann das Urteil kaum mehr sein: Ein Schande!! für unsere Justiz und das mit meinen Steuern! Pfuii!!! Antworten
Als ehemals leitender Angestellter von 2 Casinos weiss ich, dass Tischspiele wegen dem hohen Personalbedarf nur geringen Gewinn bringen. Interessant für die Casinos sind die Automatenspiele, wo sie zwischen 3 und 5 % abkassieren. Rechne: wie lange kann man spielen, wenn bei jedem Einsatz 5% weniger da sind? Poker und Roulette dient den Casinos nur zum Anfüttern für das lukrativere Automatenspiel Antworten
Bingo Herr Seibt,Treffender und zutreffender kann man diesen Artikel nicht schreiben.Man muss sich wirklich Fragen welcher Teufel diese Richter geritten hat. Spielsucht ist ein unglaublich komplexes Thema und bitte von was denken die Bundesrichter leben Casinos? Die wären ja bescheuert würden sie Spielsüchtige ausschliessen! Verbietet Poker und holt potentielle Neukunden rein!Es ist eine Schande. Antworten
Besten Dank für diese ehrliche Einschätzung, die ich im Übrigen (fast) 1:1 teile! Nur die Einleitung ist falsch: Hold'em ist sicher nicht die komplexeste Pokerform!! Verglichen mit Omaha H/L, HORSE und 8-Game-Varianten ist Hold'em die simpelste Variante. Gerade hier liegt der Grund für dessen Popularität: Ein neuer Spieler kann sich in kürzester Zeit Basiswissen aneignen und erfolgreich sein. Antworten
Das Bundesgericht hat entschieden und wir dürfen wie kleine, bevormundete Kinder folgen! Texas hold'em als Glückspiel zu taxieren ist eine Beleidigung gegenüber jedem passionierten Pokerspieler, der seine Freizeit damit investiert, sein Spiel zu bessern. Ich als mittelmässiger Spieler empfinde nur Demütigung und fühle mich verletzt! Aber wem kümmert das schon, jemand wird immer dabei verdienen! Antworten
Danke für den guten und wirklich für jeden (auch fürs Bundesgericht) verständlichen Bericht - es geht nicht um Glück und das weiss jeder halbwegs gute Pokerspieler ! Aber eben, wenn man keine Ahnung davon hat ..... Wenn ich nicht seiltanzen kann, dann ist das für mich auch ein Glücksspiel und für den Seiltänzer einfach sein Beruf!!! Antworten
Constantin Seibt hat es auf den Punkt gebracht. Um Die Casinobesucher länger an den Spielautomaten zu binden wurden neue Chipkarten ausgegeben,ohne Pin. Neu wird der ganze Betrag auf einen Automaten geladen was den Spieler verleitet mit mehr Geld zu Spielen als er eigentlich wollte . "Abzockerei lasst Grüssen" Welches Casino bietet schon ein Turnier an 50+15 Grüsse an alle Pokerspieler Andy Antworten
@Mino Rathis: zu feige um Ihren wirklichen Nahmen in den diversen Online-Zeitungs-Kommentaren zum Pokerverbot abzugeben? Bitte bringen Sie Rino Matthis, einem grossen Mann in der Schweizer Pokerszene, mehr Respekt entgegen. Herr Seibt trifft den Nagel mit diesem Artikel genau auf den Kopf. Welche schlechten Erfahrungen haben Sie mit Poker gemacht, Herr xy? Antworten
Dieser Bericht ist wenigstens ein kleiner Lichtblick zu den Ereignissen der letzten Tagen und könnte die jetztige Situation nicht treffender beschreiben. Ich kann mich da meinen "Vorrednern" nur anschliessen und danke sagen für einen sehr scharf, präzis und fundiert formulierten Artikel. Ich bin sicher, dass diese Worte auch "Nicht-Pokerspieler" SEHR zu denken gibt. Antworten
NUTS Herr Seibt! Also erstens wissen Sie über die Problematik wie auch über die Materie bestens Bescheid. Hut ab. Ein treffender, kritischer Bericht welcher von einem Spieler stammen könnte, oder eben, einer der das ganze neutral betrachtet aber eifach sichtlich logische Überlegungen macht. Kompetent! Antworten
Ich persönl. bedauere diese Entsch. ebenfalls! Casinos und Clubs haben doch recht friedlich neben einander gearbeitet und ich denke sogar voneinander profitiert! Nur muss ich mich fragen, warum sich hier gar niemand "an der eigenen Nase zupft"!? Waren doch auch einige Turniere nicht so ganz ESBK bewilligt, ich betone einige! Viell. war dieses "offene Geheimnis" etwas zu offen? Dennoch sehr schade! Antworten
Ein sehr gutes Statment von Herr Seibt der damit den Nagel auf den Kopf trifft. Ich fühle mich heute wie wenn jemand gestorben wäre, den ich sehr mag. Den multikuturellen Dialog am Pokertisch, die sozialen und freundschaftlichen Kontakte, die Shakehands nach einem Duell.....ja, das alles vermisse ich sehr! Ich habe eine Wut auf die classe politik die uns immer mehr entmündigt! Arme schweiz... Antworten
@ reto lippold: Vor der Entrechtung und Enteignung der Beamten (bis hin zum Klau des Teuerungsausgleichs auf den Renten) war die Zweite auf Bundesebene noch der letzte Garant fuer die Gleichbehandlung vor dem Gesetz. In Gemeinden und kleinen Landkantonen wurde mit masiver sozialer Noetigung von Beamten und armen Stimmbuergern die Wirtschafts- und Politbonzen schon immer gesetzwidrig beguenstigt Antworten
Dieser Kommentar sollte als eine Grundlage dienen, jetzt erst recht auf politischem Weg dafür zu sorgen, dass Pokerturniere wieder erlaubt sein sollen. Natürlich werden Auflagen diskutiert werden müssen, Kontrollmechanismen etc. Und damit jemand wie Herr Meier dann sagen kann "Pokern hat mit Geschick" zu tun, sollte man Gratis Pokerturniere fürs Volk anbieten und ihnen unseren Sport erklären. Antworten
Das Bundesgericht schleisst seit Jahrzehnten systematisch die Gleichheit, eines der unerlaesslichen Fundamente fuer Sicherheit und gemeinsame Wohlfahrt. Anstatt der ausschweifenden und abstrusen Begruendungen fuer gesetzwidrige Urteile auf dem Puckel der Fleissigsten haette jeweils auch gereicht: "Wir futieren uns fuer politisch oder wirtschaftlich Maechtige absichtlich um das Gesetz!".... Antworten
Danke für den super Bericht... Ich frage mich wirklich ist es das nun gewesen? Als Veranstalter der Horsemen, und für alle Veranstalter die so viele schönen Stunden mit Gästen verbracht haben... Wars das...? Ich möchte nur sagen Leute haltet zusammen bleibt stark und findet Lösungen damit wir wieder alle zusammen am Tisch sitzen können und das tun können was wir lieben und können... POKERN!!!! Antworten
Die Casinos wollen nur mehr Geld machen, dann sollen Sie aber auch den Bedarf an grossen Turnieren abdecken. Zudem ist es für mich als Ex-Spielsüchtigen schwierig, ich muss mich wieder im Casino entsperren lassen um an einen Pokertisch zu kommen. Der Rückfall zum wirklichen Glücksspiel ist daher sehr gross. Zudem stürzen sich mit diesem Entscheid sehr viele wirklich in die Spielsucht im Casino!!!! Antworten
Dieser Kommentar sollte als eine Grundlage dienen, jetzt erst recht auf politischem Weg dafür zu sorgen, dass Pokerturniere wieder erlaubt sein sollen. Natürlich werden Auflagen diskutiert werden müssen, Kontrollmechanismen etc. Und damit jemand wie Herr Meier dann sagen kann "Pokern hat mit Geschick" zu tun, sollte man Gratis Pokerturniere fürs Volk anbieten und ihnen unseren Sport erklären. Antworten
Hervorragender Kommentar Herr Seibt. V.a. interessant war die Bemerkung, dass die Casinos mit Poker fast nichts verdienen. Somit ging es doch in diesem Urteil um Schutz der Pfründe und Steuerpolitik. Erst das Rauchverbot (geht i.O, weil zu Schaden anderer), dann das absurde (nun korrigierte) WM-TV_Verbot in Züri und nun das Pokerverbot. Ich will ein Fussballverbot! Zu teuer fürs Gesundheitswesen! Antworten
Den Bericht finde ich treffend. Coop kann auch nicht sagen: Die Migros verkauft jetzt neu auch Erdnüsse, darum ist unser Verkauf zurück gegangen! Ab jetzt dürfen sie das nicht mehr, damit unsere Zahlen wieder stimmen! Ein solches Verbot käme einem Eingriff in die freie Marktwirtschaft zugleich. Antworten
Sooo schade, hier entscheiden wieder einmal Richter, die sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, sich wirklich über die Sachlage zu informieren. Einfach nur traurig, dass sich die Casinos Spitzenanwälte leisten können, welche nun eine klaine familiäre Szene zerstört haben! Nun dann ab ins Casino, spielsüchtig war ich ja noch nicht! Antworten
Sehr geehrter Herr Meier, die Argumentation von Herrn Seibt ist nicht albern. An einem Pokerturnier nach ESBK Vorschrift, hat man keine Möglichkeit sich neu einzukaufen, nachdem man aus dem Turnier ausgeschieden ist und die Verlockung sich sofort neue Chips zu beschaffen, um weiterspielen zu können, ist nicht gegeben. Antworten
Das letzte Glied in der Kette unseliger Verbotshysterie des 2. Jahrtausends in der Schweiz ist also erreicht. Sämtliche erfolgreichen Liberalisierungen der 80er und 90er Jahre werden Stück um Stück über den Haufen geworfen und münden in Regulierungen und Verboten - arme Schweiz, Du wirst damit mit jedem Tag ärmer. Die Lobbyisten haben ihr Zie erreicht, die jungen Spieler den Casinos zuzuführen. Antworten
Ihr Kommentar, Herr Meier, beweist wie wenig Sie vom Pokern verstehen. Die Aussage, das Poker für die Mehrheit der Spieler ein Glücksspiel ist, ist so treffend, wie die Aussage das Bern die Hauptstadt von Schweden ist. Die Personen die das behaupten, sind oft Die, die sich nicht mit dem Spiel Poker, dem mathematischen Grundlagen, den psychologischen und taktischen Faktor auseinander gesetzt haben Antworten
Die Argumentation von Hr. Seibt ist albern. Bei jedem Glücksspiel ist der Verlust auf den Spieleinsatz beschränkt. Und für die Mehrheit der Pokerspieler ist es nun mal ein Glücksspiel, so wie für die meisten auch Internet-Sportwetten ein Glücksspiel und damit verboten ist - obwohl auch hier die "Profis" dank Wahrscheinlichkeiten und nicht dank Glück Geld verdienen. Antworten
Die Schweiz verkommt zur Beziehungsdemokratie. Die angeblich unabhängige dritte Gewalt ist ebenso in die Interessen-Seilschaften verstrickt wie die Erste und die Zweite. Recht und Gesetz werden erkauft. Rational absolut lächerlich dieser Entscheid, existenziell vernichtend für einige, die etwas gewagt haben, unmenschlich für jene, die Geist, Spiel und sozialen Kontakt zusammenbringen wollten... Antworten
Man könnte es nicht treffender beschreiben! Für uns Pokerspieler ist eine Welt zusammengebrochen. Der soziale Aspekt sollte nicht vergessen werden, viele "Stubenhocker" konnten so ein- bis zweimal pro Woche ihre neuen Freunde wiedersehen - um ein 20-er Nötli Pokern und nebenbei bei einem Drink noch ein bisschen über die gespielten Hände diskutieren. Das soll alles vorbei sein? Schade eigentlich. Antworten




Andy Kobel
Lieber Erich Heinz Pokerspielen lernt man in einer Stunde, gut Pokerspielen dauer ein Leben lang. Ich war mit 19 Jahren Kantonaler Jugend Meister im Schachspielen was glaubst Du wie viele male ich auf die schnauze gekriegt habe bis ich so weit war. Ich habe mit acht jahren angefangen. Zugegeben glück ist ein bestandteil beim Pokern genau so wie im Eishokey oder Fussball Pfosten;Latte.. Gruss Andy Antworten