Rosa Perspektiven für Homosexuelle
Von Res Strehle. Aktualisiert am 08.06.2009 1 Kommentar
Res Strehle.
Wenn die Abschlussparade der Euro-Pride am Wochenende in Zürich zahlenmässig nicht ganz so eindrücklich ausfiel wie erhofft, ist das kein Grund zur Enttäuschung. Der aufziehende Regen wäre für jede Openair-Veranstaltung und bei jeder noch so guten Stimmung eine kalte Dusche gewesen. Die Euro-Pride war aber auch deshalb kein Megaspektakel, weil die Bewegung für die Gleichberechtigung der Homosexuellen in den letzten vier Jahrzehnten in Westeuropa und den USA so viel erreicht hat, wie kaum eine andere.
Viele ihrer Forderungen sind heute zumindest in den urbanen Zentren Allgemeingut. Die Anzeichen, dass Homosexualität hier endlich zur gleichberechtigten Lebensform wird und nicht mehr in Szeneghettos gelebt werden muss, haben sich in jüngster Zeit verdichtet. Das zeigt sich daran, dass selbst erzkatholische Länder wie Spanien die homosexuelle Partnerschaft ähnlich formalisiert haben wie die heterosexuelle. Dass es in vielen westeuropäischen Ländern ernsthafte Bestrebungen gibt, homosexuellen Paaren das Recht zur Adoption von Kindern zu geben. Dass es in einer Stadt wie Zürich – selbst im Unterschied zu Berlin – heute schlicht kein Thema mehr ist, wenn die Stadtpräsidentin in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. Dass Schwulenwitze nicht mehr salonfähig sind, und wo «schwul» noch ein Schimpfwort ist wie unter Jugendlichen, dann als inhaltsloser Restbestand des gesellschaftlich Unbewussten. Die Gegner der Euro-Pride scheinen eher skurrile Fossilien aus dem frühen 20. Jahrhundert denn ernst zu nehmende Politiker oder gefährliche Stammtisch-Manifestationen.
Natürlich gibt es noch einiges zu tun, bis die letzten Vorurteile und Diskriminierungen gefallen sind. Auf dem Land, nur ein paar Dutzend Kilometer von den städtischen Zentren entfernt, ist es für viele Homosexuelle noch immer schwierig, das Privatleben ganz natürlich zu thematisieren. Oder mit einem Partner gleichen Geschlechts öffentliche Auftritte zu bestreiten. Da verleugnen viele Menschen vorab der älteren Generation ihre Lebensform und Neigungen wie eh und je. Und noch immer gibt es gesellschaftliche Tabuzonen wie etwa den Fussball, wo die homoerotischen Neigungen der Spieler nur im Torjubel legitim ausgelebt werden dürfen. Die katholische Kirche, in der sich die Unterdrückung der Sexualität mit immer wieder auftauchenden Sumpfblüten rächt: Übergriffen von Würdenträgern an Jugendlichen. Und schliesslich gibt es auf der Weltkarte nach wie vor riesige Gebiete wie Indien, wo Homosexuelle geächtet werden, oder islamische Länder, in denen sie als Kriminelle verfolgt werden. So lange dem so ist, sind Veranstaltungen wie die Euro-Pride wichtig und notwendig.
Wer jüngst den Film «Harvey Milk» mit den dokumentarischen Szenen aus den Siebzigerjahren gesehen hat, war überrascht, wie viel sich seither bewegt hat. Damals war die Diskriminierung durch Kirche und Konservative so stark, dass deren Bekämpfung für viele Betroffene überlebenswichtig war. Was sich für wenige Bereiche sagen lässt, hier ist es eindeutig: Die Welt ist innert vierzig Jahren ein Stück freier und menschlicher geworden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.06.2009, 11:19 Uhr



Walter Fischer
Als Angestellter einer Grossbank (nicht eines Bauunternehmens) in der Stadt Zürich (nicht in Süditalien) höre ich abschätzige Schwulenparolen und -witze fast täglich. Die Bank investiert sehr proaktiv, was sehr lobend ist, in Sachen Diverstiy und Gleichberechtigung Antworten