Schöne neue Arbeitswelt
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 26.03.2010 1 Kommentar
Judith Wittwer.
Früher war es einfacher: Wer arbeitete, tat dies meist Vollzeit. Die Stelle war unbefristet mit vollständiger sozialer Absicherung und entsprechendem Einkommen. Man übte nicht einfach einen Job aus, sondern sprach von seinem Beruf, für den man ausgebildet war, zu dem man sich eben berufen fühlte. Und weil man die Stelle nicht wie seine Socken wechselte, gab es auch so etwas wie eine Identifikation mit dem Arbeitgeber und eine Loyalität ihm gegenüber.
Heute arbeitet der flexible Mensch temporär oder Teilzeit, er akzeptiert schlecht bezahlte Minijobs und Arbeit auf Abruf und lässt sich von Stellen-vermittlern mal an dieses, mal an jenes Unternehmen ausleihen.
Hälfte der neuen Jobs befristet
Die sogenannt atypischen Erwerbsformen boomen derzeit fast überall, auch in der Schweiz. Besonders augenfällig ist die Zunahme aber in Deutschland. Dort besitzt laut den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes bald jeder zehnte Angestellte nur noch einen Vertrag auf Zeit. Bei neuen Stellen ist mittlerweile gar fast jede zweite befristet, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg herausfand.
Das Nachrichtenmagazin «Spiegel» schlägt in seiner aktuellen Ausgabe Alarm: Weniger als zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland gehen noch einem gewöhnlichen Job nach, der voll sozialversicherungspflichtig und nicht befristet ist. Die klassische Vollzeitstelle schwindet. Die atypische Arbeit wird allmählich zur Norm.
Ein Leben in Unruhe
Was Firmen einen bedarfsgerechten Personaleinsatz erlaubt, wird für die Erwerbstätigen zum Problem: Sie leben in ständiger Unruhe, wie lange sie noch Arbeit und Einkommen haben. Kein Vorgesetzter spricht mit ihnen über mehr Lohn – von einer internen Weiterbildung und Karriere ganz zu schweigen. Damit wirkt sich der befristete Job auch auf das private Umfeld aus. Die Angestellten sehen sich gezwungen, ihre Lebens- und Familienplanung der nächstbesten Arbeit anzupassen.
Deutsche Gewerkschafter wollen die Firmen laut «Süddeutscher Zeitung» nun per Gesetz dazu zwingen, befristete Verträge stets zu begründen. Doch das ist der falsche Weg: Der deutsche Arbeitsmarkt braucht nicht noch mehr Normen. Zum Wohl aller Beschäftigten und Jobsuchenden braucht es endlich weniger Regeln.
Der deutsche Gesetzgeber schützt die Erwerbstätigen noch immer zu stark vor Kündigungen. Selbst in der Flaute oder bei Fehlverhalten eines Angestellten können sich die Betriebe nicht ohne triftigen Grund von ihm trennen – und selbst dann müssen sie noch ein langwieriges und teures Arbeitsgerichtsverfahren fürchten.
Ein Bumerang
Was als Schutz für die Arbeitnehmer gedacht und gut gemeint war, erweist sich für Angestellte und Jobsuchende als Bumerang. So vertrösten die Betriebe Studien- und Lehrabgänger oft mit miserabel entlöhnten Praktika und befristeten Kettenarbeitsverträgen. Älteren Semestern erschwert der strenge Kündigungsschutz den Jobwechsel, weil potenzielle Arbeitgeber über 55-Jährige auch in einer Krise nur schwer wieder entlassen können. Die Unternehmen stellen ältere Bewerber darum trotz deren Erfahrung meist erst gar nicht ein.
Frauen zwischen 30 und 40 Jahren wiederum verfluchen nicht selten die grosszügigen Bestimmungen zu Mutterschaft und Elternzeit. Wer gerade ein Kind bekommen hat, findet es zwar toll, dass einem der Arbeitgeber eine Stelle drei Jahre lang freihalten muss. Suchen Frauen im gebärfähigen Alter hingegen einen neuen Arbeitsplatz, kriegen sie wegen dieser gesetzlichen Generosität vor allem Absagen.
Drinnen und draussen
So verändert sich die Arbeitswelt nicht allein unter dem Druck von globalem Wettbewerb und hoher Arbeitslosigkeit. Der Boom von temporären Stellen – das zeigt das Beispiel Deutschland – ist auch Ausdruck eines überregulierten Arbeitsmarkts.
Indem man die besonders schützt, die eine feste Stelle haben, bestraft man all jene, die einen Job suchen. Letztere bleiben draussen – respektive: Sie müssen sich am Ende mit einer unsicheren Arbeit abfinden. Die Ökonomen sprechen in diesem Kontext von der Insider/Outsider-Theorie.
In der schönen neuen Arbeitswelt gibt es ein Drinnen und ein Draussen, ein Fix und ein Befristet, ein Oben und ein Unten. Eine solche Zweiklassengesellschaft birgt sozialen Sprengstoff. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.03.2010, 09:04 Uhr
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Diese Einschätzung ist völlig richtig. Ich bin mir im Übrigen gar nicht so sicher, ob eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes von der deutschen Regierung (egal wer an der Macht ist) überhaupt gewünscht wird, da sie den Konflikt mit den (starken) Gewerkschaften scheut. Diese würden dann umso mehr den Punkt Arbeitsplatzsicherheit in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern durchzusetzen versuchen. Antworten



