Meinung

Soziallächler

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 21.04.2009 1 Kommentar
Thomas Widmer.

Thomas Widmer.

Das Lächeln unseres Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz am Sonntag in Genf ist um die Welt gegangen. Drückt es tatsächlich Komplizenschaft mit dem Bösen in Gestalt von Irans Präsident aus – warum empfinden manche dieses Lächeln als frivol?

Die Gelotologie, die Wissenschaft vom Lachen, kennt zwei Grundformen des Lächelns: das sogenannte Duchenne-Lächeln, absichtslos, tief, aus wahrer Freude entspringend. Und das «soziale Lächeln», das auf die Umgebung reagiert. Es entkrampft, zeigt Grundsympathie, guten Willen, baut Beziehungen auf. Schon Säuglinge besitzen auch dieses soziale Lächeln.

Der sichtbare Unterschied: Beim zweckfreien Duchenne-Lächeln sind laut Forschern die Muskeln links und rechts der Augen beteiligt. Davon kann auf den Merz-Fotos von Genf nicht die Rede sein. Die Zähne sind gebleckt, die Muskeln um den Mund angespannt – aber die Augenpartie macht nicht mit.

Merz lächelte in Genf also sozial. Taktisch. An sich ist das professionell. Der Politiker sagt dem Politiker: «Hey, ich beisse nicht. Wir können reden.»

Allerdings ist Merz ein forcierter Soziallächler. Man nehme das offizielle Bundesratsfoto. Ueli Maurer lächelt scheu; als Hardliner muss er auf der Strasse ja auch stets damit rechnen, dass einer ihm den Vogel zeigt oder schlimmer. Micheline Calmy-Rey grinst so ehrgeizig maskenhaft, dass die Mundwinkel die Ohren erreichen. Moritz Leuenberger lächelt moralisch-mitleidvoll aus erhabener Warte. Doris Leuthard, mit geschlossenem Mund schmunzelnd, spielt gutmütige Gotte. Pascal Couchepin markiert durch Knapplächeln etatistische Reserviertheit. Und Eveline Widmer-Schlumpf kneift die Lippen zur Linie zusammen. Sie will Respekt nur für ihre Leistung.

Von allen lächelt der Ausserrhoder Merz am festesten. Dazu etwas helvetische Physiognomik: Den Romand (Couchepin) steuert die Schwere der französischen Mission civilisatrice. Beim politisierenden Tessiner schleicht sich die Gravitas des römischen Senators ins Mienenspiel (Flavio Cotti). Der stoische Berner nutzt die Gesichtsmuskulatur kaum (Samuel Schmid, der unbewegte Mann). Merz, sympathie- und harmoniesüchtig, verkörpert die gewitzte Appenzeller Frohnatur.

Hans-Rudolf Merz in Genf, von der Seite fotografiert, lächelte also gar nicht breit – für seine eigenen Begriffe. Doch von aussen gesehen wirkte die Gebissentblössung heftig. Dies umso mehr, als der Merz-Schädel weitgehend haarlos ist: Jedes Signal in diesem nackt-hageren Gesicht ist ein starkes Signal. Leider ist es nun aber so, dass ein guter Politiker seine Mimik beherrscht und nicht umgekehrt. Zudem: Das diplomatische Genfer Parkett ist etwas ganz anderes als der Herisauer Obstmarkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2009, 23:09 Uhr

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1 Kommentar

Thomas Läubli

22.04.2009, 00:59 Uhr
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Übrigens entspann sich anlässlich der Lavater-Ausstellung 2001 im Kunsthaus Zürich eine Polemik um den rassistischen Kontext der Physiognomik... Antworten