Symbiose von Schwingen und Fest
Der erst 20-jährige Kilian Wenger war in Frauenfeld so stark, so überlegen, so unwiderstehlich, dass er nach sieben Siegen schon vor dem Schlussgang als Festsieger feststand. Der neue Schwingerkönig ist ein Exponent der jungen Berner Schwinger, deren Rückkehr an die eidgenössische Spitze sich in den letzten Jahren abzeichnete. Der Teilverband hatte vor 18 Jahren mit Silvio Rüfenacht seinen letzten König gefeiert.
Der Lehrling aus dem hintersten Diemtigtal ist keine massige Urgewalt wie Christian Stucki, sondern ein Topathlet, der auch in anderen Sportarten brillieren könnte. Er gehört zu einer Generation von Schwingern, die Erkenntnisse der modernen Trainingslehre in ihr Programm integrieren.
Der Sport ist immer die Hauptsache bei einem Eidgenössischen, heisst es. Und die Schwinger sind die zentralen Figuren. Das Fest hat aber die Grenzen eines Sportanlasses längst gesprengt. In der Arena, die weiterhin werbefrei gehalten werden soll, fühlt man sich zuweilen auf eine abgeschirmte Insel versetzt, auf der dem Brauchtum und dem Amateurgedanken gehuldigt wird; auf der man Werten wie Fairness in den Duellen und auf den Rängen meistens nachlebt und Hooliganismus schon gar kein Thema ist. Auch Bundespräsidentin Doris Leuthard hob in ihrer Festansprache hervor, dass es im modernen Alltag sinnvoll sein könnte, von den Schwingern zu lernen.
Ausserhalb des Stadions verwandelte sich das Areal rund um die Königsallee in der Nacht jeweils zu einer gigantischen Thurgauer Street-Parade. Diese Entwicklung mit dem immer grösseren und lauteren Zulauf gefällt den Schwingpuristen vielleicht nicht, aber sie ist nicht aufzuhalten, denn Schwingfeste gelten als modern.
Allerdings dürfte in Frauenfeld mit seinen idealen Bedingungen auf dem riesigen Gelände eine Grenze der Belastbarkeit an einem einzigen Wochenende erreicht worden sein. Es brauchte eine organisatorische und logistische Meisterleistung, um die Massen ohne Zwischenfälle durch das Eidgenössische zu steuern. In Frauenfeld gelang die Verbindung von Schwingen und Fest, wenn auch bei vielen Besuchern die Betonung auf Rummel liegt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.08.2010, 22:47 Uhr



