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Trügerische Vernunft

Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 12.10.2010

Ruedi Baumann

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Man glaubts kaum: Die Zürcherinnen und Zürcher kaufen seit 2007 kleinere Autos mit schwächeren Motoren. Ein neu eingelöstes Zürcher Durchschnittsauto – am häufigsten ein biederer VW Golf – ist 50 Kilo leichter und hat einen um150 Kubikzentimeter kleineren Motor als noch vor zwei Jahren. Und es leistet «nur» noch 156 statt 163 PS wie im Rekordjahr 2007. Zur neuen Bescheidenheit auf der Strasse kommt eine leichte Senkung des Motorisierungsgrades – vor allem in Zürich und Winterthur, wo nur noch gut jeder Dritte ein Auto besitzt. Zudem hat sich die Anzahl der sparsamen Dieselmotoren und Hybridfahrzeuge in den letzten Jahren verdreifacht.

Entspricht diese neue Bescheidenheit auch einer neuen Vernunft? Sind die Manager, die demonstrativ mit Smart oder Hybrid zur Arbeit fahren, der Beweis für eine Trendwende? Leider nein, wie der Blick auf die Statistik – und die Zürcher Strassen – zeigt. Solange die Bevölkerung nämlich schneller wächst als die Vernunft, wachsen auch die Kolonnen vor dem Gubristtunnel und am Stadteingang – und zwar überproportional. Der Beweis ist die Zürcher Nordumfahrung. Dort haben sich die Staustunden seit 2003 verdoppelt.

Zweiter Grund, der an der plötzlichen Zürcher Bescheidenheit zweifeln lässt: 2007 begann die Wirtschaftskrise, und 2008 kostete der Liter Benzin zwei Franken. Da haben Herr und Frau Zürcher vor allem ans Portemonnaie gedacht – was auch vernünftig ist. Ob sich der Trend zu kleineren und sparsameren Autos wirklich durchsetzt, werden deshalb erst die nächsten Jahre zeigen.

Dritter Einwand zur Dämpfung einer allgemeinen Euphorie: Entscheidend sind weder PS-Zahlen noch Verbrauchswerte, noch Autos pro Einwohner. Bei den Staus kommts einzig auf die Anzahl Autos an, die sich morgens durch den Gubrist zwängen. Und beim CO2 ist nur die Menge des verbrannten Treibstoffs von Bedeutung. Wer mit dem neuen Sparauto mehr Kilometer fährt, weil ihn das schlechte Gewissen nicht mehr bremst, nützt der Umwelt nichts und produziert erst noch Mehrverkehr. Zudem wird die Bevölkerung dank Zuwanderung weiterwachsen: im Kanton Zürich bis 2030 von 1,35 auf 1,5 Millionen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2010, 21:26 Uhr

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