Und dann ist da plötzlich Peter Bichsel
Jürg Halter.
Heute möchte ich Ihnen von einer Frau erzählen, in deren Brust sich gestern während eines Konzertes, dem sie nicht zuhören mochte, die Einsamkeit ausbreitete.
Es ist Morgen, die Frau sitzt barfuss vor dem Computer und schreibt ein E-Mail an ihren im Ausland lebenden Vater. Sie fragt ihn, wann er sich das nächste Mal geschäftlich in der Schweiz aufhalten würde. Sie hätte mit ihm etwas Wichtiges zu besprechen, etwas, was sie ihm nur unter vier Augen mitteilen könne.
Sie schaut über den Bildschirm, beobachtet das Duvet, wie es über dem Geländer des Balkons hängt. Vom Winde verweht, als hinge es über die Reling eines Schiffes auf hoher See.
Die Frau steht in der Küche, in den Händen eine Tasse Kaffee. Sie lächelt, als ob sie über deren Zuneigung geschmeichelt wäre. «So, was stellen wir denn nun mit diesem freien Tag an?»
Ich kann nicht sagen, ob die Frau mit sich selbst oder mit der Tasse spricht. Ich kann sie nicht fragen, denn ich sitze hier in einem Café abends nach elf vor einem Espresso und schreibe diese Kolumne. Wie sollte ich sie gleichzeitig trösten?
Ich sehe mich im Lokal um. An der Bar steht ein Bier trinkender Mann und liest aus seinem Nasenpopel die Zukunft. An einem der Tischchen besprechen sich zwei Freundinnen in aufgeräumter Aufmachung und Stimmung.
Und die Frau, die dort hinten an der Bar steht und ein SMS schreibt? Ist das nicht die Frau, über die ich diese Kolumne zu schreiben versuche? Vielleicht ist es auch die Frau, die jetzt, da sie gedruckt ist, diese Kolumne liest. Ich frage mich, zu wem ich hier spreche, während ich schreibe. Ich führe keine Selbstgespräche. Ich führe Gespräche mit Menschen, die ich mir vorstelle, während ich über sie schreibe.
Plötzlich betritt Peter Bichsel das Café.
Ich bin überrascht, befinde ich mich hier doch weder in Solothurn noch in Paris. Er fragt die Bedienung nach dem Weg zum Bahnhof, wahrscheinlich habe er sich verlaufen. Er sieht kurz durch mich hindurch, als sässe in meinem Rücken ein verstorbener Freund von ihm, den er grüssen möchte. Er blinzelt mit den Augen, blickt auf seine Uhr und verlässt das Lokal wieder.
«Hat mich gefreut, Herr Bichsel», sage ich schmunzelnd vor mich hin, während ich mich bemühe, die beiläufige Wachsamkeit seiner Augen zu beschreiben.
Ich schaue wieder hinüber zur Frau, die an der Bar steht, zur Frau, die in der Küche Kaffee trinkt. Ich beobachte sie auf dem Grund meiner Espressotasse. Dann blättere ich in einer Zeitung und beginne, einen Artikel über den Wert von Wasser zu lesen. Als ich wieder aufsehe, ist die Frau, die an der Bar stand, verschwunden. Ich stehe auf. Dort, wo die Frau ihren Ellbogen auf den Tresen stützte, liegt ein Buch, ein Buch von Peter Bichsel. Titel: «Wo wir wohnen».
Ich schaue nach draussen, in der Hoffnung, von einer barfüssig vorbeischlendernden Frau ertappt zu werden. Aber da geht nichts. Kein Mensch, kein Duvet, schon gar kein Schiff, an dessen Reling eng umschlungen ein Paar steht.
Ich klopfe mir dreimal auf die Brust und bestelle einen weiteren Espresso.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 04:00 Uhr




