Meinung

Verheddert in Symbolen

Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 04.12.2009 3 Kommentare
Markus Brotschi.

Markus Brotschi.

Die Verlierer der Minarettabstimmung versuchen verzweifelt, der SVP die Hoheit über die Islamdebatte zu entreissen. Besonders aktiv ist CVP-Präsident Christophe Darbellay. Er wendet sich gegen Sonderregelungen für «andere» Religionen: Kopftücher, Burkas, muslimische Gräberfelder. Auch gegen jüdische Friedhöfe? Die existierten, «da soll man keine Geschichte draus machen». Aber in Zukunft will Darbellay keine Ausnahmen. In dieser Logik müssten neue Friedhöfe für Juden verboten werden. Das hat der CVP-Chef nicht gesagt, aber vielleicht gemeint. Auf jeden Fall ist er auf heikles Terrain geraten, das besonnene Politiker meiden.

Aufs Glatteis begibt sich auch die FDP, wenn aus ihren Reihen nun religiös begründete Absenzen für Schüler in Frage gestellt werden. Wer den Muslimen fürs Opferfest nicht frei geben will, müsste auch jüdischen Schülern den Feiertag verweigern. Gelten nur noch christliche Feiertage? Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein in einem Land, in dem die Religionsfreiheit gilt.

Der Schlingerkurs der Mitte-Parteien zeigt die Hilflosigkeit jener, die die Minarettabstimmung verloren haben. Sie verheddern sich in religiösen Symbolen und meinen nur die Muslime. Verschleierte Frauen empfinden die meisten in der Schweiz als Provokation und Unterdrückung der Frau. Aber Verbote lösen das Problem fehlender Integration nicht, sondern werfen Fragen der Gleichbehandlung auf. Warum darf nur die muslimische Schülerin kein textiles Zeichen der Religion zeigen? Was ist mit freikirchlichen Christen, deren Frauen nur lange Röcke tragen?

CVP und FDP tun gut daran, sich nicht auf die Ebene der SVP zu begeben, die mit dem Minarettverbot Muslime disziplinieren will. Wer Integration fordert, muss in den Gemeinden dafür sorgen, dass alle Mädchen und Knaben den gleichen Schulunterricht besuchen. Kantonale Migrationsämter müssen die Verlängerung von Aufenthaltsbewilligungen an Integrationsleistungen knüpfen: Sprachkenntnisse, Einhalten der Gesetze und Umgangsregeln. Das tönt banal und unspektakulär, trägt aber mehr zur Integration bei als ein Kopftuch- oder Minarettverbot. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2009, 09:35 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

3 Kommentare

Karin Imhof

04.12.2009, 09:54 Uhr
Melden

Also ich bin erstens für Schuluniformen und zweitens für einen religions-unabhängigen, staatlichen Kalender. Das, passt zwar nicht allen, aber ich denke dass hier Kompromisse erwartet werden können. Drittens fordere ich Sprach- und Kulturkurse für Ausländer, damit wir über obengenannte Punkte auch diskutieren können. Antworten


Christian Kobel

04.12.2009, 08:33 Uhr
Melden

Das ist wenigstens ein guter Ansatz. Der letzte Abschnitt hat meine volle Zustimmung. Antworten