Vertrauen statt Formulare
Von Liliane Minor. Aktualisiert am 06.09.2010 2 Kommentare
Sie jammerten auf hohem Niveau: Diesen Vorwurf müssen sich Lehrerinnen und Lehrer zuweilen anhören, wenn sie über zu viel administrativen Aufwand klagen. Es dürfte für viele eine Erleichterung sein, dass der Zürcher Lehrerverband etwas Licht in den Dschungel aus Richtlinien und Formularen bringt.
Und noch mehr dürfte sie erleichtern, dass mindestens die Stadt Zürich den Dschungel erklärtermassen lichten will. Unnötiger Papierkram soll künftig abgeschafft werden.
Das tönt gut – aber die Umsetzung wird wohl harzig werden. Jede Stelle, die ein Formular kreiert hat, wird mit guten Ar-gumenten daran festhalten wollen. Jede Behörde, jede Schulleitung und jedes Amt will schliesslich eine möglichst un-anfechtbare Arbeit abliefern. Dies umso mehr in einer Zeit, da Eltern und Medien nur allzu gern jeden Fehler breitschlagen.
Die Gefahr ist deshalb gross, dass die Bürokratie am Ende gar nicht abgebaut, sondern bloss verlagert wird. Entsprechende Ideen gibt es bereits. Dazu gehören die vom Lehrerverband geforderten Hilfskräfte im Schulzimmer, die auch administrative Tätigkeiten übernehmen sollen. Oder die Reduktion der Pflichtstundenzahl für Lehrer: Das gibt ihnen mehr Zeit für Bürokram. Auch die Forderung nach einer zentralen Datenbank, die alle Angaben über die Lehrpersonen und Schulkinder enthält, ist nicht ganz unproblematisch – obwohl es sicher eine Erleichterung wäre, wenn nicht mehr auf jedem Formular alles von Hand eingetragen werden müsste.
All das bringt aber nicht viel, wenn das Grundproblem hinter der Bürokratie nicht gelöst wird: der Wissensdurst, man könnte auch sagen der Kontrollwahn von Behörden und Schulleitungen.
Der Papierkrieg lässt sich effektiv nur angehen, wenn zuerst die Hauptfrage beantwortet wird: Wer muss was wofür unbedingt wissen? Zudem braucht es die Einsicht aller Beteiligten, dass ohnehin nicht jeder Sonderfall planbar ist. Und der Normalfall? Nun, Lehrer haben die Verantwortung über mehr als 20 Kinder. Wer das kann, der ist auch fähig, den Normalfall ohne Regelwerke und Formulare zu bewältigen. Vertrauen ist in diesem Fall für alle besser als Kontrolle.
Kommentar Zürich-Redaktorin Liliane Minor über die grassierende Bürokratie an der Volksschule. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 00:00 Uhr
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Formulare sind sowieso Mittel der Vergangenheit. Heute erwartet man, dass es ein digitales Spiegelbild der Realität gibt, gebildet aus Software, die sich unaufdringlich in den Alltag integriert. Informationen können aus diesem digitalen Abbbild der Schulrealtiät dann bei Bedarf extrahiert werden. Solch ein System weiss (fast) alles, darf aber nur von Berechtigten konsultiert werden. Antworten



