Zu viel Prävention schadet
Von David Schaffner, Luzern. Aktualisiert am 01.10.2009 1 Kommentar
David Schaffner.
Wir leben in einer Zeit der Gesundheitsapostel. Die Frage, ob sich jemand gesund ernähren und viel Sport treiben will, überlässt die Gesellschaft immer weniger dem Individuum. Staat und Politiker gehen zunehmend davon aus, dass der Einzelne nicht selber entscheiden kann, was gut für ihn ist und was nicht.
Dauernd belehren uns Ärzte, Behörden, Pharmafirmen und gar Lebensmittelhersteller. Mit welchem Laster sollten wir auch noch brechen? Dank welcher Salbe, welchem Joghurt könnten wir unsere Gesundheit noch mehr optimieren? Welchen Muskel müssten wir im Fitness-Studio noch härter stählen ?
Der Staat muss aufpassen, dass die Menschen nicht gerade deshalb krank werden, weil sie der Präventionsapparat unaufhörlich an alle möglichen Krankheiten, Gefahren und Pflichten erinnert. Ein bisschen mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand würde nicht schaden.
Mehr Prävention ist nur an zwei Orten notwendig: Bei ungesunden Verhaltensweisen, die Dritte gefährden, und bei Kindern, die ein selbstverantwortliches Handeln noch nicht lernen konnten. Es darf beispielsweise nicht sein, dass sich Nichtraucher im Restaurant dem Qualm der Raucher aussetzen müssen. Und der Lebensmittelindustrie muss ein Riegel geschoben werden, damit sie nicht unablässig Kinder mit TV-Spots zu extrem fetthaltigen Lebensmitteln verführt. Statt Automaten mit Mega-Schokoriegeln zu erlauben, sollten die Schulen den Schülern zeigen, wie genussvoll ein gesunder Znüni sein kann.
Bei den Erwachsenen jedoch muss der Staat seine Präventionsmaschinerie zurückhaltend einsetzen: Verbote, hohe Steuern und der unablässige Aufruf zu gesundem Lebenswandel bestrafen, frustrieren und nerven jene Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, die mit Genussmitteln und ihrem Körper verantwortungsvoll umgehen können.
Nimmt der Staat seine Bürger zu fest an der Hand und nimmt er ihnen die Eigenverantwortung immer mehr ab, so gefährdet er gerade das, was er fördern möchte: das ureigene Vermögen des Menschen, selber auf sich achtzugeben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.10.2009, 04:00 Uhr
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