Hippies anstarren
Von Michèle Roten. Aktualisiert am 01.05.2009 5 Kommentare
Michèle Roten, 29, ist Kolumnistin beim «Magazin» und studiert Germanistik.
Gemälde: Pascal Möhlmann.
Es war so ein Tag, wo man abends merkt, dass die ganze Zeit über die Unterhose vom Tag davor im Hosenbein gesteckt hat. Das kann passieren, wenn die Unterhose nicht allzu gross ist. Und das Interesse an einem selber und am Tag.
Ich sass in einem Wartehäuschen und wartete auf den Zug mit mir und meiner schlechten Laune und meinen zwei Unterhosen, und keiner von den vieren war gute Unterhaltung. Auch nicht das Plakat für Joghurts, welche die Verdauung und damit ALLES, die ganze Welt und das ganze Leben gut machen, WAS NICHT STIMMT!, und auch nicht die Gratiszeitungen mit all den unfassbar schlechten selbstreferenziellen Kolumnen von jungen Frauen, die mir jede Lust auf meine eigene selbstreferenzielle Kolumne nehmen und aufs Frau-Sein sein und darauf, jemals wieder einen Buchstaben zu benutzen, den die schon benutzt haben.
Irgendwann kam ein lächelnder Hippie ins Wartehäuschen — war ja klar, dass bei meiner Stimmung nur ein lächelnder Hippie kommen konnte, warum nicht gleich Heidi Klum oder sonst eine aggressiv glückliche Person — und setzte sich im Schneidersitz aufs Bänkchen, legte die Hände in den Schoss, schloss die Augen, begann zu meditieren oder zu schlafen oder seine Augenlider von innen zu betrachten, oder was auch immer Hippies so tun, wenn sie mit geschlossenen Augen dasitzen.
Ich schaute ihn an. Nein, ich starrte ihn an. Ich verwendete meine Konzentration darauf, ihn aus seiner Konzentration zu reissen. Ich stellte mir vor, dass mein Blick ihm wie ein Staat roter Ameisen unter der Kutte brennt. Einfach weil mir langweilig war. Ich stellte mir vor, wie ihm seine linke Hand plötzlich gegen den Kopf haut, ich wollte mich seiner linken Hand bemächtigen. Linke Hand — Kopf. Linke. Hand. Kopf. Die Macht der Gedanken, my ass. Es passierte nichts. Ich hustete. Ich probierte Handyklingeltöne aus. Nichts.
Also gab ich auf. Ich schaute ihn einfach an. Und dachte über ihn nach. Ich mag Hippies nicht besonders gern, aber ich kam nicht umhin zu bemerken: Dieser Mensch hat wirklich überhaupt gar nichts mit der Beschissenheit der Dinge und der Finanzkrise und Kinderarbeit und so zu tun. Er hat seine Schuhe selber genäht und hat wahrscheinlich nicht einmal ein Konto. Sich raushalten, nicht schuld sein, in einer besseren Welt leben, das funktioniert wirklich. Ich verbrachte zehn Minuten damit, diesen meditierenden Hippie anzuschauen. Zehn Minuten, das klingt nach kurz. Ist es aber nicht. Ist sehr lang. Einem Hippie zehn Minuten ganz konzentriert beim Meditieren zuzuschauen ist so lang wie eine einstündige Entspannungsmassage, während der man über alles nachdenken kann.
Mehr von «Miss Universum»: Michèle Roten im «Magazin»
Michèle Rotens Bücher: www.echtzeit.ch (Das Magazin)
Erstellt: 01.05.2009, 10:41 Uhr
5 KOMMENTARE
Ich hab's wieder mal versucht. Mit ungekünsteltem Wohlwollen eine "Kolumne" oder whatever von Frau Rothen zu lesen. Das Resultat: Mein Kopf schüttelt. Das ist grammatikalisch zwar nicht ganz korrekt, aber trifft meine erneute Fassungslosigkeit ob solch tumber Schreibe. Der scharfe Blick will sich auch nach Jahren der Versuche nicht einstellen - vom Scharfsinn ganz zu schweigen. Aufhören - biitte!
Anstatt so despektierlich ueber Hippies zu schreiben wuerden sie vielleicht gescheiter auch mal eine Auszeit nehmen und etwas meditieren. Die Verbitterung und Kaelte in ihren Zeilen ist erschreckend und es betruebt mich, sie so wahrzunehmen.
Tja, Michelle, vielleicht fehlt Ihnen nur, dass Ihnen mal jemand sagt, dass Ihre Kolumne so viel witziger, hintergruendiger, doppelboediger, selbstironischer ist als die von den Chicks in den Gratispostillen. Dumm nur, dass ich dieser Jemand nicht bin. Scherz. Ich bin es natuerlich. Weiter so, Michelle.
Hei, Frau Rothen: Immer noch in derselben Depression??? Das geht ja so, seit sie aus den Staaten zurückgekommen sind... was ist ihnen denn eigentlich über das Läberli gekrochen?
"Eine aggressiv glückliche Person"- was für ein gut gelungener Begriff für das omnipräsente, katogorisch gut gelaunt daher kommende Warengestell-Glücksversprechen unserer Zeit!
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