Gastbeitrag

Wachstum in Frage stellen

Die Gesellschaft ist schwer krank. Sie muss aufhören, Ihr Heil im Wachstum zu suchen.

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Konfrontiert mit Krisen finanzieller, ökonomischer, sozialer oder ökologischer Natur, kennen Regierungen, Zentralbanken und internationale Finanzinstitutionen im Allgemeinen nur ein Heilmittel: Wachstum, dieser deus ex machina, der uns von allen Übeln befreien soll. Das ist es, was ihre Vertreter bis zum Überdruss wiederholen, und das ist es, was sie gelernt haben, sei es in den Hörsälen der Universität oder in ihrer Weiterbildung. Um Arbeitslosigkeit und Deflation zu bekämpfen: Wachstum! Um Schulden abzubauen: Wachstum! Um wiedergewählt zu werden: Wachstum versprechen! Dieses Dogma regiert ohne Widerspruch, und es scheint deplatziert zu sein, es in Frage zu stellen.

Wagen wir es trotzdem und beginnen mit einer allgemeinen Diagnose. Die Gesellschaft ist schwer krank, von einem Krebsgeschwür befallen. Wenn ein Patient, der an einer solchen Krankheit leidet, von seinem Onkologen gemessen wird, um zu überprüfen ob er gewachsen sei, wird er sich nach anfänglicher Überraschung fragen, ob er es wirklich mit einem Arzt zu tun hat!

Wenn der Körper oder die Gesellschaft vom Krebs befallen ist, dann bedeutet Wachstum die Vermehrung der Krebszellen. Es ginge also um eine Therapie dagegen und das wiederum erfordert eine Analyse der Situation. Die aktuelle Ökonomie basiert auf einem Dualismus: Schulden-Wachstum. Die erste Komponente wäre in diesem Sinne nützlich, um die zweite zu fördern, und das Wachstum wäre nötig, um einen Teil der Schulden zurückzuzahlen. Nun ist es aber so, dass das westliche Wachstum, insbesondere das europäische, sehr schwach ist und die Verschuldung explodiert. Weltweit machen die totalen Schulden ungefähr 250 Prozent des BIP aus, und es wächst schneller als dieses. Das Wachstum erfordert nicht nur einen unhaltbaren Anstieg der Schulden, es stützt sich auch auf einen zweiten Faktor: die geplante Obsoleszenz der Waren, die so konzipiert sind, dass sie nur eine gewisse Zeit halten, was den Konsum anheizen soll.

Das Wachstum hängt am Tropf dieser zwei Faktoren, die beide im Widerspruch zu einer nachhaltigen und menschenwürdigen Entwicklung stehen.

Jedoch verband sich im 19. Jahrhundert ein zuvor nie da gewesenes Wachstum mit erstrebenswerten Fortschritten in den Bereichen des Gesundheitswesens, der Bildung, der Wissenschaft und der Produktionsweise. Heute aber sind gesellschaftliche Entwicklung und Wirtschaftswachstum oft entkoppelt. Das Wirtschaftswachstum geht einher mit einer steigenden Umweltverschmutzung, mit neuen Schulden und der Ausweitung des Finanz-Casinos. Trotzdem ist die Abwesenheit von Wachstum nicht wünschenswert.

Zwei Länder veranschaulichen dieses Paradox: China, das noch ein robustes Wachstum hat, und Griechenland, mit häufig negativem Wachstum. Die soziale und wirtschaftliche Lage Griechenlands ist katastrophal. China, das in einer ersten Phase gegenüber dem Westen aufgeholt hat, sieht sich mit denselben - wenn nicht schlimmeren - Übeln wie der Westen konfrontiert. Die Schäden, welche die Industrialisierung der Landwirtschaft verursacht hat, sind offensichtlich. Insbesondere hat das Bienensterben zu einem Versuch der Bestäubung von Menschenhand geführt, ein Versuch, der sich auf der ganzen Welt zu verbreiten droht. Wenn der Mensch die Biene ersetzt, würden wohl einige behaupten, dass dies die Arbeitslosigkeit verringere und das Wachstum fördere. In der Realität, wenn man versucht, stellvertretend für eine Insektenpopulation eine Arbeit zu tun, die diese gratis verrichtet, eine Arbeit, die unser Überleben sichert, dann ist das nicht nur unrealistisch, sondern zeugt auch von der Entkoppelung der Wirtschaft von der Umwelt und der Gesellschaft sowie von der Absurdität des aktuellen Funktionierens der Wirtschaft. Ein Wirtschaftswachstum, das auf der Zerstörung der Natur gründet, kann nur zu einem ökologischen und sozialen Desaster führen.

Erneuerbare Energie und saubere Technologie sind zwar wesentlich, aber sie werden nicht ausreichen. Ein radikaler Wandel unserer Lebensweise wäre vonnöten. Statt Konsumenten, die von einem aggressiven Marketing infantilisiert sind, und daher Ramschware und geisttötende Unterhaltung konsumieren, braucht unsere Gesellschaft aktive Bürgerinnen und Bürger, die fähig sind, Antworten auf die aktuellen Herausforderungen zu finden.

Die Grenzen des Wachstums, vor allem im Hinblick auf die Umwelt, müssen erkannt und anerkannt werden. Die Frage des Wachstums ist mehrdimensional. Sie betrifft gleichermassen die Ökonomie wie auch die Ökologie, die Biologie, die Geschichte und die Philosophie. Kein Lebewesen, keine Gesellschaft kann unendlich wachsen. Das wäre auch nicht wünschenswert. Die Norm ist das Aufeinanderfolgen von Phasen des Wachstums, der Stabilisierung und der Degeneration. Bei Letzterer brauchen wir einen Paradigmenwechsel, der das Ziel unseres Handelns sein sollte.

Das «Immer mehr», das Ausdruck jener Bulimie ist, die das gegenwärtige Krebsgeschwür nährt, dieses «Immer mehr» sollte ersetzt werden durch das «Genügende» und «Notwendige», das man braucht, um ein von Vernunft geleitetes, anständiges und menschenwürdiges Leben zu führen. Letzten Endes sollte die Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten – also ein qualitativer Wert - das Ziel sein, und nicht ein reduktionistisches, quantitatives Kriterium wie das Wirtschaftswachstum.

Erstellt: 13.02.2017, 17:31 Uhr

Der studierte Mathematiker Marc Chesney ist Professor am Institut für Banking und Finance an der Universität Zürich. Die französische Fassung dieses Artikels wurde bereits in «Le Temps» publiziert. Foto: Reto Oeschger

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