Der Geiseldeal, der ein Gerücht geblieben ist

Von Martin Kilian, Washington . Aktualisiert am 26.06.2009
Irans Mullahs sollen, um an Waffen zu kommen, 1980 Ronald Reagan an die Macht verholfen haben. Ein TA-Journalist erinnert sich, wie er fünf Jahre der Sensationsstory nachjagte.
November 1979 in Teheran: Studenten stürmen die US-Botschaft und nehmen Geiseln. Diese werden erst am 20. Januar 1981 freigelassen. Bild: KEYSTONE/AP

Ich war im Herbst 1989 über Nacht aus Washington eingeflogen. Nun, in London, sass mir der iranische Waffenhändler Jamshid Hashemi gegenüber. Ein Mann mit guten Kontakten zum neu gewählten iranischen Präsidenten Rafsanjani. Und zu Mehdi Karroubi, einem mächtigen Insider in Teheran, der sich später um die Präsidentschaft bewerben sollte.

Ausserdem hatte Hashemi nachweislich für die CIA und den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet. Damals in London beharrte er auf seiner Story: Ronald Reagans Wahlkampfmanager, der spätere CIA-Direktor William Casey, habe sich 1980 in Madrid und Paris insgeheim mit Abgesandten der Mullahs getroffen.

Und bei diesem Treffen sei ein Deal ausgehandelt worden: Die seit November 1979 in der US-Botschaft in Teheran festgehaltenen 52 amerikanischen Geiseln sollten erst nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl im November 1980 freigelassen werden, um Präsident Jimmy Carters Chancen gegen seinen republikanischen Herausforderer Reagan zu schmälern.

Waffen für Krieg gegen Saddam Hussein

Im Gegenzug, so Hashemi, habe der Iran nach Reagans Wahlsieg dringend benötigte Ersatzteile für seine Kampfjets amerikanischer Herkunft erhalten. Sowie Waffen für den Krieg, den Saddam Hussein im September 1980 gegen die Mullahs vom Zaun gebrochen hatte.

Meine Zweifel wischte Hashemi an jenem Tag in London vom Tisch: Er sei, sagte er, in Madrid selber zugegen gewesen. Wie auch Mehdi Karroubi. Am nächsten Tag flog ich zurück nach Washington, wo mein Freund, der Journalist Bob Parry, auf mich wartete. Beide waren wir verwickelt in eine journalistische Jagd, die uns schliesslich fünf Jahre beschäftigte.

Die Story beginnt mit der iranischen Revolution. Die neuen Machthaber, die 1979 den Schah verjagt hatten, wurden bei ihren antiamerikanischen Tiraden niemals müde, den von der CIA in den Fünfzigerjahren eingefädelten Coup gegen den iranischen Premier Mohammed Mossadeq zu verdammen.

Wie aber verhielte es sich, wenn die Mullahs 1980 im Gegenzug die amerikanische Geschichte durch einen Deal mit William Casey aus den Angeln gehoben hätten? Schliesslich leitete der Wahlsieg Ronald Reagans eine lange Ära republikanischer Dominanz in Washington ein.

Legion von Waffenhändlern

Ich hatte von entsprechenden Gerüchten gehört und wusste zudem von den Waffenlieferungen der Israeli an das Regime in Teheran, die zu Jimmy Carters Ärger bereits vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1980 begonnen hatten. Und nach Reagans Wahlsieg machte sich eine Legion von Waffenhändlern an die Arbeit, den Iran illegal mit amerikanischer Ausrüstung zu versorgen. Manche davon wurden von der Reagan-Administration klar gedeckt.

Ich sprach auch mit Gary Sick, unter Jimmy Carter im Weissen Haus für die Geiseln zuständig, über meinen Verdacht: wie seltsam es beispielsweise war, dass die US-Diplomaten in Teheran just in dem Moment freigelassen wurden, als Reagan in Washington als neuer Präsident vereidigt wurde.

Auch Sick begann zu vermuten, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Bob Parry, ein hervorragender investigativer Journalist, der an vorderster Front 1986 den Iran-Contra-Skandal aufdecken half, hatte gleichfalls eine verdeckte Aktion Caseys gewittert. Allein, manchmal aber auch mit Parry, zog ich fortan - im Sold des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» - um die Welt auf der Suche nach einer Wahrheit, die sich nicht erschliessen wollte. London, Luzern, Frankfurt, Los Angeles, Hongkong, Hamburg, New York, Denver: Stationen eines Marathons, bei dem mir schillernde Agenten begegneten wie der Israeli Ari Ben Menashe, Waffenhändler wie Jamshid Hashemi oder der Südafrikaner Dirk Stoffberg.

Heimliches Treffen in Paris

Im Gestrüpp von Behauptungen und Widersprüchen, von Falschmeldungen und bewussten Irreführungen verdichtete sich mein Verdacht: Etwas war im Sommer und Herbst 1980 zwischen den Mullahs und Reagans Republikanern geschehen. In Hamburg traf ich den Schwiegersohn Ayatollah Khomeinis, Sadegh Tabatabai. Nein, sagte Tabatabai, ein solcher Deal habe seines Wissens nicht stattgefunden.

Waffenhändler Hashemi lachte über das Statement: Niemals würden die Mullahs eine solche Vereinbarung eingestehen. Leute wie Rafsanjani, sagten er und andere Quellen, hätten bei den Waffenlieferungen abkassiert und seien reich geworden.

Parry und ich flogen nach Los Angeles und befragten den iranischen Waffenhändler Houshang Lavi. Aber natürlich habe man verhandelt, sagte dieser. Casey sei deswegen in Paris gewesen! Und die Mullahs hätten daran prächtig verdient.

Mit Zeugen wie Lavi aber war kein Staat zu machen. Und die Schwergewichte schwiegen entweder oder wollten nicht namentlich zitiert werden. Zu heiss. Andere aus dem Milieu winkten ab: eine Fata Morgana! Geben Sie auf!

Was ich auch getan hätte, wäre da nicht jener Herr gewesen, der mich 1990 in Frankfurt am Flughafen erwartete. Der Kontakt zu ihm war über Umwege zustande gekommen. Nun sass er vor mir, ein ehemaliger Mitarbeiter des französischen Nachrichtendienstes und die rechte Hand des legendären französischen Geheimdienstchefs Alexandre de Marenches.

Jawohl, sagte mein Informant: De Marenches habe in der Tat die Zusammenkunft Caseys mit den Iranern am 19. Oktober 1980 in Paris organisiert. Und er selber wisse darüber bestens Bescheid.

Meine Bitte, ihn namentlich zitieren zu dürfen, lehnte er jedoch entschieden ab. Er arbeite jetzt in der französischen Rüstungsindustrie, begründete er sein Nein. Keinesfalls wolle er sich das verderben.

Ausserdem wunderte sich der Informant, was die Aufregung sollte: Man habe Jimmy Carter eben hereingelegt. Na und?

Ronald Reagans späterer Sicherheitsberater Richard Allen gab zu Protokoll, Casey dem französischen Geheimdienstboss am 4. Juli 1980 bei einem Besuch in Paris vorgestellt zu haben.

William Casey, im Zweiten Weltkrieg ein Mitarbeiter des OSS, der Vorgänger-Organisation der CIA, wäre der geeignete Mann für klandestine Kontakte mit den Mullahs gewesen. Verschwiegen. Brillant. Skrupellos. Und mit einem weiten Bekanntenkreis in der Branche der Schlapphüte. Ausserdem total loyal gegenüber Reagan. Und wie de Marenches ein kalter Krieger der Extraklasse.

Der Fund im KGB-Archiv

1992 befasste sich eine Taskforce des Washingtoner Repräsentantenhauses mit den Anschuldigungen. Die Untersuchung geriet zu einem schwierigen Unterfangen: Politisch war die Sache zu heiss, und permanent stand sie unter republikanischem Beschuss. Nach monatelangen Ermittlungen kam die Taskforce in einem Abschlussbericht Anfang 1993 zum Schluss, es existierten «keine glaubwürdigen Beweise» für einen Deal Caseys mit den Mullahs. Für den 1987 verstorbenen CIA-Direktor legten die Ermittler Alibis vor, die seine Anwesenheit in Madrid im Juli 1980 und in Paris im Oktober 1980 unmöglich machen sollten.

Die Alibis aber hielten einer eingehenden Prüfung nicht stand. Sie waren ein Witz.

Die eidesstattliche Aussage von de Marenches’ Biograf David Andelman, wonach der französische Geheimdienstler ihm Caseys Verhandlungen mit den Mullahs in Paris 1980 bestätigt habe, hielten die Ermittler für «glaubhaft». Aber sie besitze «keinen beweiskräftigen Wert».

Es kam noch schlimmer: Im Oktober 1992 hatten die amerikanischen Ermittler die russische Regierung um Hilfe ersucht. Hatten sowjetische Dienste Wind bekommen, und befanden sich womöglich in den Archiven des KGB Hinweise? Die Antwort aus Moskau war ein Schocker, erreichte Washington jedoch so spät, dass sie im Abschlussbericht der Taskforce unerwähnt blieb.

Wo ist Caseys Pass?

Publik wurde sie nur, weil mein unermüdlicher Freund Parry auf dem Kapitolshügel in einem Lagerraum für Dokumente herumstöberte - und dabei das geheime Papier aus Moskau entdeckte. Er las es mir am Telefon vor. «William Casey traf sich 1980 dreimal mit Vertretern der iranischen Führung; die Begegnungen fanden in Madrid und Paris statt.» Und weiter: «Sowohl in Paris als auch in Madrid diskutierten die Abgesandten Ronald Reagans und der iranischen Führung die Frage eines möglichen Aufschubs bei der Freilassung der 52 Geiseln vom Stab der amerikanischen Botschaft in Teheran.»

Es seien Waffen geliefert worden, hiess es im Report der Russen auch. Wenn sich das alles tatsächlich so verhalten hat, ist den Mullahs ein Coup gelungen, der den Sturz Mossadeqs 1953 bei weitem übertraf: Sie wären die Hebammen der Reagan-Ära gewesen. Ich jedenfalls bin noch immer überzeugt, dass in jenem Schicksalsherbst 1980 etwas vorgefallen ist. Und sei es auch nur ein Versuch William Caseys gewesen, im Trüben zu fischen.

Caseys Pass blieb übrigens unauffindbar. Und in seinem Terminkalender fehlten wichtige Seiten. Die Kosten meiner Recherche beliefen sich auf rund 30 000 Dollar. Danke, lieber «Spiegel».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2009, 13:37 Uhr

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