Hilfsgüter für Haiti bleiben stecken

Von Sandro Benini, Mexico City . Aktualisiert am 04.02.2010
Haitis Behörden versteifen sich auf Formalitäten, unter den ausländischen Regierungen kommt es zu Spannungen – und niemand weiss, wer den Wiederaufbau leiten soll.
Hilfe für Haiti: Das Hauptproblem besteht nicht darin, dass zu wenig Güter eintreffen, sondern in deren effizienter Verteilung. Bild: KEYSTONE/AP

Drei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti läuft die internationale Hilfsmaschinerie zwar auf vollen Touren. Die Anstrengungen reichen aber noch immer nicht aus, um alle rund 3 Millionen Betroffenen zu unterstützen. Das Hauptproblem besteht nicht darin, dass zu wenig Güter in der Hauptstadt Port-au-Prince eintreffen, sondern in deren effizienter Verteilung.

Mitarbeitern von Hilfsorganisationen zufolge hat sich die Situation verschlimmert, seit die haitianischen Behörden einen Teil der Lebensmittel- und Medikamentendepots kontrollieren. Im grössten Spital der Stadt sitze beispielsweise ein einheimischer Gesundheitsfunktionär vor dem überfüllten Medikamentenlager und notiere peinlich genau, was an- und ausgeliefert werde. «Das ist schlicht verrückt. Die haitianischen Behörden verplempern die Zeit mit dem Ausfüllen von Formularen», sagte ein Arzt gegenüber einer amerikanischen Zeitung.

US-Soldaten spielen Hauptrolle

Hinzu kommt, dass der Flugplatz von Port-au-Prince überlastet und der Hafen beschädigt ist. Die Strassen aus der Dominikanischen Republik, die als alternative Transportwege genutzt werden, sind verstopft. Laut Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hätten zwei Wochen nach dem Erdbeben eine Million Menschen Nahrungsmittel aus dem Welternährungsprogramm erhalten sollen – in Wirklichkeit erreichte die Hilfe etwas mehr als die Hälfte. «Es war langsamer, als irgendjemand gehofft oder erwartet hatte», sagte John Holmes, der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe.

Bereits mehrmals ist es zwischen den wichtigsten an der Katastrophenhilfe beteiligten Ländern zu diplomatischen Spannungen gekommen, wobei vor allem die Vereinigten Staaten kritisiert wurden. Nachdem die Amerikaner die Kontrolle über den Flughafen übernommen hatten, reichten die brasilianische und die französische Regierung in Washington offizielle Protestnoten ein: Die USA würden eigenen Maschinen viel schneller eine Start- oder Landeerlaubnis erteilen als ausländischen. Die US-Regierung bestritt die Vorwürfe. Frankreich ist Haitis ehemalige Kolonialmacht, während brasilianische Militärs die Uno-Friedensmission Minustah kommandieren, die seit 2004 hauptverantwortlich für die öffentliche Sicherheit des Karibikstaates ist. Dass nun die Amerikaner durch die Kontrolle des Flughafens und die Entsendung von rund 12'000 Soldaten die Hauptrolle spielen, weckt besonders in Brasilien Eifersucht. Schon seit mehreren Jahren arbeitet die Regierung unter Präsident Lula da Silva beharrlich darauf hin, in Lateinamerika die politische Führungsrolle zu übernehmen.

Eclat USA-Italien

Zu einem diplomatischen Eclat kam es schliesslich zwischen den USA und Italien. Der Chef des italienischen Zivilschutzes Guido Bertolaso sagte im Fernsehen, die Vereinigten Staaten würden humanitäre Hilfe mit einem Militäreinsatz verwechseln. Darauf zeigte sich US-Aussenministerin Hillary Clinton «zutiefst verletzt», während der amerikanische Botschafter in Rom Bertolasos Kopf forderte. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi widersprach seinem obersten Zivilschützer, beliess ihn jedoch im Amt.

Inmitten all dieser Querelen ist die wichtigste Frage noch ungelöst: Wer soll langfristig für den Wiederaufbau des Landes verantwortlich sein, und wie hat dieser genau zu erfolgen? Während der letzten beiden Jahrzehnte hat Haiti insgesamt mehr als 5 Milliarden Dollar Hilfsgelder erhalten, ohne dass es den einheimischen Regierungen gelungen wäre, funktionsfähige staatliche Strukturen zu schaffen.

Port-au-Prince verschieben

Nicht zuletzt haitianische Oppositionelle fordern deshalb, das Land so lange wie nötig in ein Protektorat zu verwandeln und die Verantwortung dafür der internationalen Gemeinschaft zu übertragen. Ausländische Hilfsbemühungen seien in Haiti letztlich stets gescheitert, argumentiert die Gegenseite. Deshalb müsse man die Entscheidungen über den Wiederaufbau den haitianischen Behörden überlassen und sich darauf beschränken, bestimmte Bedingungen zu stellen – etwa an die Erdbebensicherheit der neu errichteten Gebäude.

Wahrscheinlich wird man einen Kompromiss wählen und die Souveränität zwischen einheimischen Behörden und ausländischen Institutionen teilen. Ob dies funktionieren kann, ist allerdings völlig offen – wie fast alles in Haiti. Mittlerweile wird nämlich selbst die Frage debattiert, ob es sich überhaupt lohne, Port-au-Prince wieder aufzubauen, oder ob es nicht besser sei, die Hauptstadt an einen tektonisch sichereren Ort zu verlegen. Denn das nächste Beben kommt bestimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2010, 06:51 Uhr

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