Juden wenden sich von Demokraten ab

Von Martin Kilian, Washington . Aktualisiert am 13.02.2012
Laut einer Umfrage bekunden Juden in den USA zunehmend Mühe mit den Demokraten. Der Kongressabgeordnete Henry Waxman macht dafür «Missverständnisse» hinsichtlich Obamas Nahostpolitik verantwortlich.
Prägen die US-Politik mit: Ultra-orthodoxe Juden bei den Kongresswahlen in Kiryas Joel, einem Dorf rund 80 Kilometer nördlich von New York. (2. November 2010) Bild: KEYSTONE/AP Foto: Mark Lennihan

Sie war ein verlässlicher Partner in der demokratischen Koalition und unterstützte Franklin Roosevelt und Harry Truman, John F. Kennedy und Lyndon Johnson, Jimmy Carter, Bill Clinton und Barack Obama. Stets votierte die jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten überwältigend für die Demokraten; rückhaltlos setzte sie sich etwa für ein Ende der Rassentrennung sowie die Gleichstellung von ebenfalls demokratisch wählenden Afroamerikanern während der Bürgerrechtsbewegung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein.

Damit aber soll es jetzt vorbei sein: Laut einer neuen Umfrage des angesehenen Pew Research Center for the People and the Press kehren amerikanische Juden der Demokratischen Partei zusehends den Rücken zu und laufen zu den Republikanern über. Prozentual mehr Juden schlössen sich den Republikanern an als Amerikaner aus der allgemeinen Bevölkerung, beschreibt Pew-Forscher Alan Cooperman den Trend. Trifft er tatsächlich zu, wären die politischen Konsequenzen für die Demokraten erheblich: Zwar sind nur knapp über zwei Prozent der Amerikaner jüdischen Glaubens, doch bilden jüdische Wähler in wichtigen Bundesstaaten wie Florida oder in Kongressdistrikten amerikanischer Ballungsräume oftmals das Zünglein an der Waage.

Unzufrieden mit Obamas Nahostpolitik

Liefen grosse Teile der jüdischen Bevölkerung in Florida beispielsweise zur Partei Ronald Reagans über, könnte dies die Wahlchancen demokratischer Präsidentschaftskandidaten mindern. Politische Beobachter vermuten, die Abkehr von den Demokraten widerspiegle vor allem die jüdische Unzufriedenheit mit Barack Obamas Nahostpolitik: Washingtons Druck auf Israel sei zu gross geworden, die Entschlossenheit gegenüber dem Iran lasse zu wünschen übrig.

In der Tat stellen sich sämtliche republikanische Präsidentschaftskandidaten kritiklos hinter die Regierung Netanyahus und fordern eine harte Gangart gegenüber Teheran. Matt Brooks, der Exekutivdirektor der Republican Jewish Coalition, ist denn auch überzeugt, dass die Demokraten «die Unterstützung jüdischer Wähler verlieren werden». David Harris vom National Jewish Democratic Council widerspricht hingegen: «Republikaner sagen seit über 30 Jahren: ‹das ist das Jahr, in dem die Juden zu den Republikanern wechseln›».

Das schwierige Verhältnis zu den Republikanern

Traditionell ist das Verhältnis der jüdischen Gemeinschaft zur Republikanischen Partei eher problematisch gewesen: Offener Antisemitismus kennzeichnete bisweilen die Partei, nicht nur Präsident Richard Nixon zog privat über Juden her. Viele amerikanische Juden verfolgten zudem den wachsenden Einfluss weisser Südstaatler in der Republikanischen Partei mit einigem Misstrauen. Zwar steht der evangelikale Flügel eisern hinter Israel und lehnt beispielsweise eine Zweistaatenlösung in Nahost rigoros ab; kulturell hat die überwiegend urbane jüdische Gemeinschaft aber kaum etwas mit ländlichen und kleinstädterischen Südstaatlern gemeinsam.

«Sie klingen nicht wie wir, sie reden nicht wie wir, und sie verstehen uns nicht», charakterisierte die konservative jüdische Kolumnistin Jennifer Rubin den Graben. Andererseits gibt es kaum Zweifel, dass sich jüdische Wähler von den Demokraten abwenden und zumindest in das Lager der Parteilosen wechseln. Selbst prominente jüdische Demokraten wie der Kongressabgeordnete Henry Waxman aus Los Angeles räumen inzwischen ein, dass jüdische Bürger die Partei verlassen. Es stehe «ausser Frage, dass die jüdische Gemeinschaft sich viel mehr als in der Vergangenheit auf beide Parteien verteilt», so Waxman.

Dafür verantwortlich macht der Abgeordnete «Missverständnisse hinsichtlich Obamas Politik im Nahen Osten» sowie «wirtschaftliche Gründe». Führende Demokraten in Washington wollen jedenfalls nicht ausschliessen, dass Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl im November weniger jüdische Stimmen erhalten wird als seine demokratischen Vorgänger im Weissen Haus.

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«Missverständnisse hinsichtlich Obamas Politik im Nahen Osten»: Der jüdische Kongressabgeordnete Henry Waxman sucht Gründe, warum Juden die Demokratische Partei verlassen.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 13.02.2012, 08:33 Uhr

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