Alliierte und Rivalen: Silvio Berlusconi und Gianfranco Fini. Bild: KEYSTONE/AP
Gianfranco Fini, der 57-jährige Spitzenpolitiker aus dem Norden Italiens, hat sich im Laufe seiner langen Karriere von einem unbeirrbaren Neofaschisten zu einem salonfähigen Konservativen gewandelt. Der frühere Aussenminister (2004-2006) präsidiert seit dem letzten Frühling die italienische Abgeordnetenkammer. Nach der Fusion seiner Alleanza Nazionale mit Silvio Berlusconis Forza Italia hat Fini mit der neuen Partei Popolo della Libertà eine starke Machtbasis für weitere hohe Ämter. Für Beobachter ist klar, dass Fini Ministerpräsident werden will. Im Moment ist ihm aber der allgegenwärtige Berlusconi im Weg.
Der Moment, sich als künftiger Regierungschef zu positionieren, ist aber günstig, weil Berlusconi aufgrund seiner Affären und Eskapaden angeschlagen ist. Es ist wohl kein Zufall, das Fini in dieser Woche ein Buch lanciert. Die «Zukunft der Freiheit» lautet der Titel. Und es liest sich wie ein Regierungsprogramm, wie italienische Journalisten, die bereits Teile des Buchs lesen durften, feststellten. Das Buch lasse sich auch als Kritik an Berlusconi lesen. Gemäss Medienberichten kritisiert Fini, dass das Ende der Ideologien nach dem Fall der Berliner Mauer zu Narzissmus und Egoismus geführt habe - auch in der Politik. Die politische Debatte sei zu einem «vulgären Austausch von Beschimpfungen» verkommen. Fini, ganz staatsmännisch, plädiert für eine Rückkehr zu einer «inspirierenden Vision, moralischen Imperativen und Familienwerten».
«Wir werden darüber sprechen, wenn es so weit ist»
Fini äussert sich auch zur Bedeutung von Leadership in der Politik und zur Rolle von Berlusconi als Leader. Nach dem Zusammenbruch des Fünfparteiensystems vor bald 20 Jahren sei in Italien eine Art Bipolarismus eingeführt worden. «Das ist das historische Verdienst von Berlusconi», lobt Fini. Er äussert aber auch Kritik: «Manchmal verwechselt Berlusconi Leadership mit absoluter Monarchie.» Zur Frage der Nachfolge von Berlusconi im Amt des Ministerpräsidenten gibt Fini ausweichende Antworten. «Wir werden darüber sprechen, wenn es so weit ist», sagte er im Gespräch mit dem Star-Journalisten Bruno Vespa, der in diesen Tagen ebenfalls ein Buch veröffentlicht. «Was werde ich machen, wenn ich erwachsen bin?» scherzt Fini, «alt werden...»
Laut Medienberichten arbeitet Fini hinter den Kulissen an einer Ablösung des angeschlagenen Berlusconi. Er stehe in engem Kontakt mit Luca Cordero di Montezemolo. Der Verwaltungsratsvorsitzende der Fiat-Gruppe, früherer Präsident des Industriellenverbands und Initiant eines Think-Tanks ist einer der einflussreichsten Manager Italiens. Gemäss Verschwörungstheoretikern könnten Fini und di Montezemolo an einer neuen Regierung arbeiten - ohne Berlusconi. Eine Rolle spiele auch der Finanz- und Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, der sich mit dem Ministerpräsidenten überworfen haben soll.
Berlusconi will Gerichtsanhörung verschieben lassen
Im Moment hat Berlusconi andere Sorgen. Nachdem sein Immunitätsgesetz vom italienischen Verfassungsgericht aufgehoben worden ist, sollte er am 16. November in einem wieder aufgenommenen Korruptionsprozess vor Gericht in Mailand erscheinen. Medienberichten zufolge hat er eine Verschiebung der Anhörung beantragt. Berlusconi wird Steuerbetrug im Zusammenhang mit dem Kauf von Fernsehrechten durch seinen Konzern Mediaset vorgeworfen. Der Regierungschef hat alle Vorwürfe zurückgewiesen.
(vin)