Berlusconis Ego-Grösse: XXL

Von Dominik Straub, Rom . Aktualisiert am 17.09.2009
Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi benutzt die Übergabe der ersten Fertighäuser an Erdbebenopfer in den Abruzzen zur Selbstbeweihräucherung in einer TV-Show.
Die Aufmachung muss stimmen: Il Cavaliere bei den letzten Vorbereitungen für seinen Auftritt in der TV-Show. Bild: KEYSTONE/AP

Für einen kurzen Augenblick wurde Silvio Berlusconi wieder zu dem, womit er seine ersten Millionen verdient hatte: Bauunternehmer.

In Onna, dem am 6. April vom verheerenden Erdbeben am schlimmsten betroffenen Ort, übergab er einer einheimischen Familie die Schlüssel zu einem Fertighaus und führte die glücklichen Bewohner durch ihr neues, provisorisches Heim. «Ich hoffe, dass dieses Haus für euch zu einem Nest der Liebe in einem neuen Leben wird. Hier habt ihr alles, was ihr braucht, um eure Kinder grosszuziehen, bis Onna wieder aufgebaut ist», sagte der italienische Premierminister vor laufenden Kameras.

Gut fünf Monate nach dem Erdstoss stehen nun in Onna 94 Fertighäuser für rund 300 Bewohner bereit. Zuvor hatten die Überlebenden des Orts in einem Zeltlager unweit der Ruinen gewohnt. Rund um die Abruzzen-Hauptstadt L’Aquila sind aber immer noch über 36000 Menschen obdachlos. Berlusconi versprach am Dienstag, Ende September müsse niemand mehr in Zeltstädten leben und bis Ende Jahr würden alle Obdachlosen in neue Wohnungen oder Fertighäuser einziehen können.

Berlusconi über Schurken

In vielen Ortschaften sind freilich noch nicht einmal die Trümmer weggeräumt worden, und auch das historische Zentrum von L’Aquila gleicht nach wie vor einer Geisterstadt. Die Übergabe der Fertighäuser war denn auch von Protesten von Obdachlosen-Komitees begleitet, die sich von der Regierung vergessen fühlen und Berlusconi vorwarfen, sich aus Imagegründen auf den Symbolort Onna zu konzentrieren, während in Dutzenden von anderen Ortschaften die Menschen nicht wüssten, wie sie den Winter überstehen sollen.

Die Opposition warf Berlusconi vor, sich mit fremden Federn zu schmücken, denn die Fertighäuser in Onna sind nicht von der Regierung, sondern vom Roten Kreuz und der Region Trentino gebaut und finanziert worden. Die Übergabezeremonie sei nichts anderes als ein «Bluff».

Die zum Teil nach wie vor kritische Situation im Erdbebengebiet hinderte den Cavaliere nicht daran, sich am gleichen Abend in die RAI-Polit-Talkshow «Porta a porta» zu begeben, um in einer dreistündigen Selbstbeweihräucherung die Wohltaten der Regierung zu rühmen. So bezeichnete sich Berlusconi erneut als «besten Ministerpräsidenten aller Zeiten», besser noch als Alcide De Gasperi, der nach dem Krieg zwar als Vater der Republik «eine schwierige Aufgabe gelöst» habe, aber dessen Innenpolitik nicht mit «jener meiner Regierung mitzuhalten vermag». Gleichzeitig benutzte Berlusconi die Bühne des Staatssenders zu erneuten Attacken gegen die freie Presse und die Opposition, wo «zu viele Schurken» am Werk seien.

Nach sowjetischem Vorbild

Damit die Wählerinnen und Wähler den Auftritt ihres Ministerpräsidenten nicht verpassten, wurde «Porta a porta» in die beste Sendezeit verlegt; gleichzeitig wurden die zugkräftigen Programme «Ballaro» auf RAI 3 und «Matrix» auf dem Berlusconi-Sender Canale 5 kurzerhand verschoben. Oppositionsführer Dario Franceschini kritisierte diese Machenschaften scharf: «Es ist eine Reality-Show, in welcher die Erdbebenopfer zu Komparsen degradiert werden.» Auch der bürgerliche «Corriere della Sera» sparte nicht mit Kritik. Die Talkshow, so schrieb das Mailänder Blatt, hätte niemals stattfinden dürfen: «Sie erinnerte an sowjetische Rituale gleichgeschalteter Sender – halb demagogischer Populismus, halb Persönlichkeitskult.»

(Der Bund)

Erstellt: 17.09.2009, 08:23 Uhr

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