Der heimliche Star der Franzosen

Von Ulrike Koltermann, DPA . Aktualisiert am 21.03.2010
Das Debakel Nicolas Sarkozys wird auch an diesem Sonntag, dem zweiten Durchgang der Regionalwahl, nicht kleiner. Davon profitiert einer, der lange als blasser Gehilfe des Präsidenten galt.
Der Premier ist beliebt: An einer Wahlveranstaltung erhält er ein Trikot mit der Nummer 10, dem Regisseur halt. Bild: Reuters

Ein indirekter Gewinner der französischen Regionalwahlen am Sonntag steht schon fest: François Fillon, der französische Premierminister. Der diskrete Politiker, der lange als blasser Gehilfe von Präsident Nicolas Sarkozy galt, hat sich in den vergangenen Wochen zum heimlichen Star der Politikszene gemausert. Sein jüngster Triumph: eine Umfrage, nach der die Mehrheit der Franzosen ihn gerne als Präsidentschaftskandidat der Rechten 2012 sähe. Kurz zuvor, pünktlich zu seinem 56.Geburtstag, ehrte ihn die sonst sehr Sarkozy-freundliche Zeitschrift «Le Point» mit einem Titelfoto unter der Überschrift «Präsident Fillon». Den amtierenden Staatschef dürfte das mächtig geärgert haben.

Sarkozy steckt derzeit in der tiefsten Krise seit Beginn seiner Amtszeit. Er war als grosser Reformer angetreten, was ihm anfangs viel Zustimmung verschafft hat. Je deutlicher es wird, dass diese Reformen teuer werden und unpopulär sind, desto rasanter schwindet die Zustimmung, auch im eigenen Lager. Klimasteuer, Justiz- und Rentenreform, Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst – überall gibt es Proteste, die den Präsidenten schwächen.

Sarkozy im Dilemma

Vor diesem Hintergrund werden die Regionalwahlen vor allem als Stimmungstest für die Regierung gesehen. In der ersten Runde vor einer Woche hat die Opposition bereits glänzend abgeschnitten. An diesem Sonntag könnte sie auch die letzten beiden der 26 Regionen erobern, die bislang noch in der Hand der Regierungsmehrheit waren, nämlich Korsika und das Elsass.

Möglicherweise bietet Fillon dann seinen Rücktritt an – ähnlich wie Jean-Pierre Raffarin es 2004 getan hat. Aber dies wäre allenfalls eine Formsache, denn Sarkozy kann es sich kaum leisten, auf seinen beliebten Premierminister zu verzichten.

Sein Dilemma: Die wachsende Popularität von Fillon macht ihm zu schaffen, aber einen Besseren für diesen Posten findet er derzeit nicht. «Fillon bildet sich auf seine Umfragen etwas ein. Aber er ist beliebt, weil er nichts tut. Ich mache alles allein», klagte er nach einem Bericht des gut informierten Blattes «Le Canard Enchaîné» im kleinen Kreis.

Fillons stille Qualitäten

Nach Ansicht seiner Kritiker hat Sarkozy es sich selber zuzuschreiben, dass sein Premier bei der Bevölkerung wesentlich besser ankommt als er selbst – schliesslich hat der Präsident von Beginn an alle Themen an sich gerissen. Fillon wurde von französischen Medien deswegen lange als «Mr. Nobody» verspottet. Immer wieder wurde über seine Ablösung spekuliert.

Indessen hat der Premierminister sich im Windschatten seines hyperaktiven Präsidenten eine solide Basis verschafft. Bei seinen jüngsten Auslandsreisen lobten alle sein staatsmännisches Auftreten. Im Unterschied zu Sarkozy spricht Fillon gutes Englisch.

Kritik an Sarkozys Strategie

Sollte die zweite Wahlrunde wie erwartet schlecht für die Regierungsmehrheit ausfallen, dürfte Fillon künftig etwas mehr zu sagen haben als bisher. Kürzlich erst kritisierte er Sarkozys Strategie, Oppositionspolitiker mit hochrangigen Posten zu betrauen. Das schwäche zwar möglicherweise die Gegenseite, verärgere aber die eigenen Leute, die sich übergangen fühlten, meinte Fillon. Sollte Sarkozy ihn demnächst zu einer Kabinettsumbildung auffordern, dürfte der eine oder andere «eingekaufte» Linke um seinen Posten fürchten – nicht zuletzt Aussenminister Bernard Kouchner.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 21.03.2010, 11:33 Uhr

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