«Die Banken-Razzia war ein Scheinmanöver»

Von Oliver Meiler . Aktualisiert am 30.10.2009
Der berühmte italienische Wirtschaftskommentator Giuseppe Turani spricht über den Sinn der Razzia und die Vermögen der Berlusconis und Agnellis in der Schweiz.

Herr Turani, die Razzia der italienischen Steuerpolizei bei Schweizer Banken in Italien wirft hohe Wellen zwischen den beiden Ländern. Was ist da dran?
Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung, was das sollte. Diese Kontrollen bringen die Behörden nicht weiter, die finden so nichts. Wahrscheinlich war es eine Art Einschüchterungsaktion: Aber wer sollte so schon eingeschüchtert werden?

Die Schweiz und ihr Finanzplatz?
Dafür gibt es doch Regierungen. Die können miteinander reden, verhandeln, streiten, Pakte schliessen, Abkommen unterzeichnen – buona notte. Aber was bringt es, die Guardia di Finanza rauszuschicken und die Banken zu kontrollieren? Das war wohl nur so eine Aktion ohne tieferen Sinn – ein Scheinmanöver.

Es gibt die Vermutung, der «Scudo fiscale» funktioniere nicht so gut. Und dass Giulio Tremonti deshalb mit solchen Initiativen etwas nachhelfen will.
Ich habe andere Informationen. Es sieht so aus, als laufe der «Scudo» im Gegenteil sehr gut. Das ist ja auch nicht verwunderlich: Die Kritik an der Steueramnestie war diesmal deshalb so gross, weil der Strafzoll so tief ist und kaum Auflagen bestehen für die Legalisierung der illegal ausgeführten Vermögen. Ich kann Ihnen versichern: Wenn ich selber viel Geld in die Schweiz ausgelagert hätte, dann wäre das der absolut beste Moment, das Geld zurückzubringen. Einfacher und billiger geht es ja gar nicht mehr.

Kann es sein, dass die Operation eher einen innenpolitischen Zweck hatte? Von Tremonti sagt man, er habe sich mit Premier Silvio Berlusconi überworfen.
Ich, nein, das glaube ich auch nicht. In Italien passieren nun mal komische Geschichten wie diese hier, ohne dass es dafür unbedingt eine sinnvolle Erklärung gibt.

Was halten Sie vom Gerücht, dass unter diesem Steuerschild grosse Kapitalien von berühmten Italienern zurückgeführt werden sollen?
Das hingegen halte ich für möglich, denn der «Scudo» ist für solche Rückführungen sehr verlockend. Wir wissen ja zum Beispiel von den kolossalen Summen, die Silvio Berlusconi, der Premierminister dieses Landes, im Ausland liegen haben soll. Es laufen dazu Prozesse in Italien. Ein anderes berühmtes Beispiel sind die gewaltigen Beträge, welche die Familie Agnelli offenbar ins Ausland verlegt hat. Davon wissen wir spätestens, seit der Erbstreit innerhalb der Familie öffentlich geworden ist.

Überrascht darüber ist niemand in Italien.
Nein, das war schon immer so. Wer in Italien sein Geld in die Schweiz bringen konnte, tat das. Nicht nur die Superreichen, auch die Mittelreichen. Alle wissen das, alle reden darüber. Ich erinnere mich, wie einst Angelo Rizzoli (Unternehmer und Verleger, 1889–1970, Red.) seine besorgten Mitarbeiter beruhigte, indem er zu ihnen sagte: «Sorgt euch nie um eure Renten, das Geld dafür liegt in der Schweiz.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2009, 04:00 Uhr

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